"Wo noch Licht brennt" - Selim Özdoğan

Wo noch Licht brennt - Selim Özdoğan - Haymon Verlag - 344 S. - 22,90€ - 
ISBN: 978-3-7099-7299-1

Ich habe lange an Selim Özdoğans „Wo noch Licht brennt“ gelesen und noch länger gebraucht, um es zu rezensieren. Und bin zu dem Entschluss gekommen, es nicht klassisch zu rezensieren – ich erzähle euch einfach ein wenig von dem Buch.

Warum wollte ich es lesen? 

Es ist von jemandem mit türkischer Herkunft geschrieben und handelt auch von türkischen Gastarbeiter_innen. Durch meine eigene und die Lebensgeschichte meiner Eltern und Großeltern war das Interesse schnell geweckt.

Wie hat es mir gefallen? 

Wirklich ziemlich gut. Insbesondere sprachlich. Wer mehrsprachig (aufgewachsen) ist, weiß sicher, dass jede Sprache irgendwie ihre Eigenart, ihren eigenen „Ton“ (nicht vom Klang her) hat. Und Türkisch empfinde ich als eine sehr sehnsüchtige, melancholische und poetische Sprache, vieles ist sehr schwer ins Deutsche transportierbar. Özdoğan hat es trotzdem geschafft, dass sich das Buch anfühlt, als würde man auf Türkisch lesen. Das war wirklich großartig.

Handlungstechnisch geschieht eigentlich nicht mal viel – aber das Gefühl der Zerrissenheit zwischen Deutschland und der Türkei, das Gefühl, niemals irgendwo anzukommen oder willkommen zu sein, überall „die Anderen“ zu sein, das wird sehr gut vermittelt. Vieles von dem, was ich von meinen Eltern erzählt bekommen habe, konnte ich in Güls Geschichte wiederfinden. Dabei ist Gül als Protagonistin kein weiblicher Charakter, der durch typische Merkmale des Starkseins glänzt. Sie ist auf ihre ganz eigene Art und Weise stark, die dieser Generation von Gastarbeiterinnen innezuwohnen scheint. Sie ist stark durch ihre maßlose Geduld, durch ihre Demut, durch ihre Akzeptanz. Ich hab nach dem Beenden des Buches noch lange über sie nachgedacht. Allerdings ist sie in Teilen auch voreingenommen. Dadurch, dass das Buch ihre Perspektive widerspiegelt, kommen z.B. mehrmals Vorurteile gegenüber Sexarbeiterinnen zum Ausdruck - und mehr, was ich, würde ich Gül begegnen, ansprechen wollen würde, denn ich glaube, sie würde das verstehen. 

Gestört haben mich die langen Kapitel – es passte zum Buch, war dadurch für mich aber nicht sehr leser_innenfreundlich. Ich konnte es nicht in zehnminütigen Pausen lesen und musste mir viel Zeit nehmen. Persönlich mag ich kurze Kapitel einfach lieber.

Würde ich es empfehlen? 

Nun, ich habe das Buch mit 4,5 von 5 Sternen bewertet, also ja. Wenn ihr Lust auf ein Buch habt über die ältere Generation von Deutsch-Türk_innen, dann ist dieses hier sehr authentisch. Eine lesenswerte Geschichte, die durch den besonderen Schreibstil des Autors glänzt und eine, die mich sehr berührt hat. 

Aus dem Buch 
Sie glaubt, wir wären überall, nur weil es einen Filmemacher gibt, eine Moderatorin, einen Politiker und einen Schriftsteller und einen weiß nicht was. Aber immer nur einen. Wenn du auf die Straße gehst, sind wir überall, aber wenn du mal deutsches Fernsehen einschaltest, gibt es uns hier nicht. Und damit das nicht so auffällt, muss immer ein Alibi-Türke herhalten. S. 203

"Eine Sprache, ein Mensch, zwei Sprachen, zwei Menschen, sagt das Sprichwort. Die Sprache vermehrt den Menschen, sie macht ihn größer, reicher, voller, sie bestimmt, mit wem er sich über den Klang der Worte verbinden kann und mit wem nicht. Wer nur eine Sprache kann, bleibt für immer in ihr eingeschlossen." S. 219

"Nicht wo man geboren wird, sondern wo man satt wird, ist die Heimat, sagen die Ahnen. Gül denkt an die Jahre in Deutschland zurück, die Jahre, in denen es keine Auberginen gab, kein Paprikamark, kein Lammfleisch, keinen Thymian, keinen Schwarzkümmel, keinen Bockshornklee und keinen Summach. Auch wenn sie nicht kochen konnten wie zu Hause, hat ihr Magen sich gefüllt, aber satt, satt ist sie nicht geworden." S. 333

1 Kommentar

  1. Liebe Elif,
    Mir gefällt diese Art der Rezension sehr gut. Durch die Fragen bringst du präzise auf den Punkt, was das Buch ausmacht und was es (für dich) lesenswert gemacht hat. Durch die Zitate bekommt man gleichzeitig einen Einblick in den Schreibstil. Das hat mir wirklich alles sehr gut gefallen. Und dabei hast du mich auch noch sehr neugierig auf dieses Buch gemacht. Der Titel kommt gleich mal auf meine Merkliste. Danke für den Buchtipp.
    Liebe Grüße, Julia

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