[Rezension] "The Hate U Give" - Angie Thomas

The Hate U Give - Angie Thomas - cbt* - 512 S. - 17,99€ - ISBN: 978-3-570-16482-2

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck. Was geschah an jenem Abend wirklich? Die Einzige, die das beantworten kann, ist Starr. Doch ihre Antwort würde ihr Leben in Gefahr bringen... Quelle

Ich habe „The Hate U Give“ seit 2016 sehnlichst erwartet und im März diesen Jahres direkt zum Erscheinen auf Englisch gelesen. Ich war mehr als begeistert, konnte diese Begeisterung aber nicht recht in Worte fassen – ich tue mich jetzt, nach dem Lesen der deutschen Übersetzung, immer noch schwer damit. 
Dabei ist „The Hate U Give“ kein Buch, das mein Leben verändert hat. Das nicht. Aber es ist auf so vielen Ebenen so wichtig, gut und berührend und beschäftigt sich mit Themen, die mir sehr wichtig sind - und die allen wichtig sein sollten, weil sie alle betreffen.

Grob gesehen handelt „THUG“ von Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA. Die Protagonistin Starr lebt zwar im ärmeren – und Schwärzeren – Teil der Stadt, geht aber auf eine mehrheitlich weiße, reiche Privatschule. Eine Stunde Fahrt liegt zwischen beiden Orten und trotzdem sind es zwei unterschiedliche Welten, die zur Folge haben, dass es zwei unterschiedliche Starrs gibt. In ihrem weißen Umfeld ist sie nicht 100% sie selbst – sie vermeidet Afroamerikanisches Englisch („AAVE“ genannt; kein Dialekt, sondern eine Varietät des Englischen), obwohl sie zu Hause davon Gebrauch macht, sie versucht, möglichst wenig nach „Ghetto“ zu klingen, versucht, immer möglichst ruhig und besonnen zu sein, um das Narrativ des „Angry Black Girl“ zu vermeiden, mit dem Schwarze Frauen und Mädchen so häufig besetzt werden – kurzum: sie verstellt sich und versucht, so wenig Schwarz wie möglich zu sein, weil Schwarzsein sowohl in den USA als auch hierzulande auch heute noch nicht positiv besetzt sind. Diesen Rassismus bemerkt man als Leser*in spätestens im zweiten Kapitel, als Starrs Kindheitsfreund Khalil abends beim Autofahren willkürlich angehalten – und vor ihren Augen erschossen wird. Allerdings, so willkürlich angehalten wird er eben doch nicht. Er wird es, weil er Schwarz ist – eine Praxis, die sich Racial Profiling nennt. Und während das passiert, fragt sich Starr, ob Khalil wohl auch schon als Kind von seiner Familie beigebracht bekommen hat, wie man sich in einer Polizeikontrolle verhalten sollte: „Halt deine Hände so, dass man sie sieht. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Red nur, wenn du was gefragt wirst“ (S. 29). Der Subtext: Sonst kann es sehr gut sein, dass du ermordet wirst. Weil du Schwarz bist. Und das muss bereits kleinen Kindern beigebracht werden, weil die Eltern machtlos sind und ihre Kinder gegen die Polizei, die eigentlich zum Schutz da sein sollte, nicht schützen können.

Manchmal machst du alles richtig, und es geht trotzdem alles schief. Entscheidend ist, dass du dennoch nie aufhörst, das Richtige zu tun. S. 179

Als Khalil vor Starrs Augen ermordet wird, ändert sich ihr ganzes Leben und sie fällt in ein Loch der Trauer, Verwirrung und Schuldgefühle. Schuldgefühle deshalb, weil nur die Polizei weiß, dass sie die Zeugin war und sie sich nicht öffentlich kenntlich macht. Schuldgefühle deshalb, weil sie am Leben ist und er nicht. Und Schuldgefühle deshalb, weil sie einen weißen Freund hat und sich das manchmal wie Betrug anfühlt. 
Ich kann mir vorstellen, dass einige die Passagen, in denen es um Weißsein und insbesondere Chris‘ Weißsein geht, als diskriminierend empfunden haben. Die, die das so sehen oder gesehen haben, müssen sich allerdings eingestehen, dass sie über Rassismus zu wenig wissen. Natürlich wissen wir alle, dass Rassismus etwas Schlechtes ist und weisen das von uns, aber was genau Rassismus ist, darüber herrscht noch vielerorts zu viel Unwissen. Es ist nicht die bloße Diskriminierung eines Menschen aufgrund seiner Hautfarbe. Rassismus gegen Weiße gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht, denn Rassismus ist das Ergebnis einer langen, historischen Diskriminierungspraxis, die heute noch andauert. Rassismus ist die gesamtgesellschaftliche Benachteiligung von Menschengruppen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Zugehörigkeit. Es ist ein Produkt aus vielen Aspekten, die Weiße in solcher Weise einfach nicht erleben und erlebt haben.


Und Starr weiß das. Sie ist aufgewachsen mit dem Wissen um Rassismus, Black Panther, Martin Luther King, Malcolm X. Sie weiß, dass Chris als Person nichts für seine Position kann, aber auch, dass seine Position in der Gesellschaft besser ist als ihre – aufgrund seiner Hautfarbe. Er ist Teil eines großen Ganzen, das auch den Polizisten hervorgebracht hat, der ihren Freund ermordet hat. Vor diesem Hintergrund halte ich die Gedanken, die Starr hat, für mehr als gerechtfertigt und würde mir wünschen, dass jeder, der THUG lesen möchte, vorher einen Crashkurs in Rassismus durchzieht – man darf ja noch träumen.

Hier in der Gegend kommt man leichter an Crack als an eine gute Schule. S. 196 

Der Polizist wird übrigens in Schutz genommen, wen wundert es. Als sie verhört wird, werden ihr nur Fragen über Khalil gestellt: War er ein Dealer? War er gefährlich? Niemand scheint in Betracht zu ziehen, dass der Polizist schuldig sein könnte. Und Starr steckt in dem Dilemma: Sagt sie etwas, um dem  Bild des unschuldigen Beamten entgegenzuwirken und Khalil zu verteidigen? Will sie denn, dass alle Welt von ihrem Erlebnis erfährt? Was, wenn sie damit die Sicherheit ihrer Familie aufs Spiel setzt? Und was werden ihre Schulfreund*innen von ihr denken? 
Ich habe es – auf eine schmerzliche Art und Weise – genossen, Starr dabei zu begleiten, wie sie ihre Stimme findet und sich gegen Ungerechtigkeiten wehrt. Davon gibt es wahrlich genug, auch abgesehen vom Mordfall – ihre ehemals beste Freundin Hailey entpuppt sich als unreflektiert rassistisch. Ein Musterbeispiel für eine White Feminist, die der Diskriminierung, denen Schwarze Menschen ausgesetzt sind, keine Beachtung schenkt.

"Ist das jetzt dein Ernst?", fragt Hailey. "Was ist denn daran falsch zu sagen, dass sein (die des Polizisten) Leben auch zählt?" - "Sein Leben zählt immer mehr!" Meine Stimme klingt schroff und mein Hals fühlt sich an wie zugeschnürt. "Das ist das Problem!" S. 284


Das Buch heißt „The Hate U Give“. THUG LIFE ist eine Hommage an 2 Pac, der zu Lebzeiten die Bedeutung erklärt hatte: 

The
Hate
U
Give
Little
Infants
Fucks
Everybody

Die Gesellschaft bietet für Kinder, Schwarze Kinder, Hass, Erschwernisse, Gewalt, Mord, Armut, Perspektivlosigkeit – und das rächt sich, wenn sie älter sind. Es kommt das zurück, was man ‚gibt‘. Und genau dieses Gefühl vermittelt das Buch – mit einem leisen, aber vorhandenen Hoffnungsschimmer. Denn wenn die Starrs da draußen ihre Stimme finden, dann kann es vielleicht sein, dass wir irgendwann in einer gerechteren Welt leben. Eine Welt, in der Schwarze Menschen wie Philando Castile, Alton Sterlin, Tamir Rice, Sandra Bland oder Trayvon Martin nicht einfach willkürlich ermordet werden können. Oder wie Eric Garner, dessen Tod auf Videoaufnahmen aufgezeichnet ist und dessen letzte Worte waren „I can’t breathe“ – „Ich. Kann. Nicht. Atmen.“, wie Starr auf S. 35, als Khalil tot auf der Straße liegt. Angie Thomas‘ Roman ist nicht nur eine großartig erzählte Geschichte – es ist auch ein Buch, das den Opfern von Polizeigewalt gedenkt, wenn man die Bezüge erkennt. Ich für meinen Teil musste an dieser Stelle pausieren und meine Tränen trocknen.

Ich weiß, das klingt jetzt alles eher nach Sachbuch, verpackt als Jugendbuch, weil viel vermittelt wird. Aber das liegt einfach daran, dass mir diese Thematik so wichtig ist und dass ich darauf besonders geachtet habe. Auch wenn ihr das nicht so extrem macht, werdet ihr Freude an dem Buch haben, denn es ist auch abgesehen von der Thematik wirklich gut geschrieben. Die Dynamik in Starrs Familie, der Zusammenhalt und die liebevolle Strenge haben mich begeistert. Starrs Familie, insbesondere ihr Vater und ihr Onkel, gehören fortan definitiv zu meinen Lieblingscharakteren. Auch über ihre Beziehung zu Chris habe ich sehr gern gelesen. Der Schreibstil vermag es, sowohl im Englischen, als auch im Deutschen, in den Bann zu ziehen und einen nicht selten mit Gänsehaut oder Kopfschütteln zurückzulassen.
Das Einzige, was in meinen Augen fehlen dürfte, ist das Slutshaming gegen eine bestimmte Person. Wenn das nicht wäre, würde ich das Buch als makellos bezeichnen.

Großartig fand ich wiederum, dass "The Hate U Give" deutlich macht: Egal, wie jung du bist, deine Stimme zählt. Benutze sie. Wenn du alt genug für Ungerechtigkeit bist, dann bist auch alt genug, dagegen laut zu werden.

Wozu hat man eigentlich eine Stimme, wenn man in den entscheidenden Momenten schweigt? S. 288
Ms. Ofrah hat mir mal gesagt, dass ich mit meiner Stimme kämpfen muss. Also kämpfe ich. S. 325 



Ich habe schon so viel gesagt und ich könnte noch viel, viel mehr zu diesem Buch sagen, belasse es aber erstmal dabei. Kurzum: Es ist eine schreckliche Geschichte mit schönen Momenten, eine Geschichte, die schön sein könnte, gäbe es keinen Rassismus. Es funktioniert auf so vielen Ebenen und deckt so viele Aspekte und Perspektiven ab, dass ich auch beim zweiten Lesen begeistert war. Für mich eindeutig eines der besten Jugendbücher, die je geschrieben wurden und eines, das den Hype mehr als verdient. Auch die deutsche Übersetzung kann ich ruhigen Gewissens empfehlen. Von mir gibt es volle 5 von 5 Sternen und eine große Leseempfehlung. 

Kommentare

  1. Was für eine schöne Rezension. Das Buch ist ja irgendwie in aller Munde und ich bin auch fürchterlich neugierig darauf, habe es bisher aber noch immer nicht zum Kauf geschafft. Hole ich aber ganz sicher nach. Und bezüglich des "Sachbuch verpackt als Jugendbuch" - das ist, finde ich, gerade das, was an Literatur so toll ist. Dass man daraus so viele Fakten und Dinge lernen kann, aber sie emotional verpackt und in fiktiver Leute Leben eingebunden werden, dass sie viel wirklicher und wichtiger erscheinen und näher gehen.

    AntwortenLöschen
  2. Das ist wirklich eine fantastische Rezension geworden!!! :-)

    AntwortenLöschen