[Rezension] "Wacholdersommer" (/"Zweiherz") - Antje Babendererde

  

Wacholdersommer - Antje Babendererde - cbt* - 320 S. - 9,99€ - ISBN: 978-3-570-31153-0

Content Note: Sexueller Missbrauch 

Die 17-jährige Halbindianerin Kaye war schon als Kind in Will verliebt, den Enkel eines benachbarten Schafzüchters und Silberschmieds, doch dann geschah etwas Schreckliches. Als der 19-jährige Will nach fünf Jahren Gefängnis plötzlich wieder auftaucht, ist Kaye ratlos: Ihre Briefe hat er nicht einmal gelesen – und doch kann sie nicht glauben, dass er getan hat, wofür er angeklagt wurde. Außerdem ist da noch immer die unverminderte Anziehungskraft zwischen den beiden... via

"Wacholdersommer" hieß ursprünglich "Zweiherz" und erschien 2007. 

Ich müsste 14 oder 15 gewesen sein, als ich "Zweiherz" das erste Mal gelesen hab. Damals habe ich alle Jugendbücher von Antje Babendererde verschlungen und auch dieses sehr gemocht. Nun habe ich inzwischen einen anderen Blick - wie finde ich das heute, dass sich eine weiße Autorin diese Kultur aneignet und darüber schreibt, obwohl sie kein Teil davon ist? Kann das gut gehen? 

Nun kann ich das als Person, die ebenfalls kein Teil der Kultur der amerikanischen Ureinwohner*innen ist, natürlich nicht zur Genüge beurteilen. Was ich beurteilen kann, ist, wie die Facetten eingefangen werden und ob der Umgang ein wertschätzender und kein westlich-überheblich angehauchter ist. Und da ist die Antwort ganz klar: Babendererde geht als Beispiel für weiße Autor*innen voran, die über Kulturen von Menschen of Colour schreiben wollen, der sie nicht angehören. Ich war, wie auch schon in Jugendjahren, begeistert. 

Die Geschichte um Zweiherz kann man nicht mögen, wenn man absolut nichts für Spiritualität und Glauben übrig hat. Zweiherz ist nämlich eine Art Geist, der in Gestalt eines Kojoten Menschen aufsucht - so auch Will in dieser Geschichte. Dabei stützt sich Babendererde auf den Glauben der Navajos und bindet ihn meinem Eindruck nach gekonnt ein. Zu gerne wüsste ich von jemandem, der*die selbst Navajo ist, ob alles akkurat ist - in diesem Fall vertraue ich aber der Autorin und ihren langen Recherchereisen und Kontakten mit amerikanischen Ureinwohner*innen. 

Dass ihr Umgang ein wertschätzender und lebensnaher ist, erkennt man unter anderem daran, dass die Autorin sich nicht davor scheut, Missstände aufzuzeigen: Polizeigewalt und -willkür, schlechtere Bildungsmöglichkeiten, Mittellosigkeit, Rassismus, die Erinnerung an den Völkermord, Aneignung von Land und Wasserverschmutzung, Kulturraub, Alkoholismus und Gangs als Folge von Perspektivlosigkeit und vieles mehr. Außerdem ist Kayes Vater weiß, genauso wie eine enge Freundin von ihr; dadurch zeigt die Autorin, welche Differenzen herrschen können und macht das auf eine Art und Weise, die - berechtigt -  hart mit dem Weißsein ins Gericht geht. 

Das alles waren Punkte, die mich begeistert haben. In einem Jugendbuch findet sich so viel Facettenreichtum nicht oft. Gleichzeitig gilt es zu akzeptieren, dass Kaye eine traditionell eingestellte Protagonistin ist. Ihr großes Ziel ist nicht, Karriere zu machen und die Ländereien zu verlassen. Sie will einfach mit Will zusammen sein - ihn heiraten, Kinder mit ihm bekommen, sich um seinen Großvater kümmern. Mir hat das gut gefallen, weil es Kayes eigene Entscheidung ist und zu keinem Zeitpunkt etwas anderes vermittelt wird. 

Die Liebesgeschichte zwischen Will und Kaye war dadurch mal etwas ganz anderes. Beide wissen, dass sie sich lieben und füreinander bestimmt sind. Was zwischen ihnen steht, sind ganz andere Dinge, Dinge, die im Laufe des Buches aufgearbeitet werden. 

Neben den inhaltlichen Aspekten ist mir auch wieder aufgefallen, was für eine gute Schreiberin Babendererde ist. Ihr Schreibstil ist angenehm, flüssig und zieht einen sofort in den Bann. Ehe man sich versieht, schließt man die letzte Seite und hätte gerne noch viel mehr zu lesen. Ich fänd's fabelhaft, wenn die Autorin mal wieder ein Buch mit solchem Setting schreiben würde. Solange begnüge ich mich mit denen, die ich habe.

Übrigens finde ich den ursprünglichen Titel viel schöner und passender - "Wacholdersommer" klingt doch sehr beliebig. Wenn die Neuauflage aber dafür sorgt, dass es wieder mehr gelesen wird, ist das etwas, womit ich leben kann. 


"Wacholdersommer" konnte mich auch zehn Jahre später vollkommen von sich überzeugen. Antje Babendererde ist eine weiße Autorin, die als Beispiel vorangeht. Mich konnte sowohl ihr Umgang mit der Kultur und der heutigen Lebenswelt der Navajos als auch die Geschichte an sich vollends überzeugen. Ich wünsche mir mehr solcher Bücher in den Jugendbuchreihen! Von mir gibt es dafür volle 5 von 5 Sternen.

★★★★★

Kommentare

  1. Ah! Ich freu mich - nicht nur, weil das Buch gut ist, deshalb natürlich auch und vielleicht sogar vorrangig, aber auch, weil es so ein gutes, wundervolles, wichtiges Gefühl ist, wenn die Bücher, die man als großartig in Erinnerung hat, auch dem neuen Blick standhalten können und man sich nicht nachträglich von seinen Lieblingen verabschieden muss.

    In jedem Fall klingt das Buch wirklich spannend und ich werde es mir mal auf die Leseliste setzen.

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    1. Jaaa, das ist so ein tolles Gefühl! Ich kann dir das Buch wirklich nur empfehlen, ich denke, auch mit den anderen der Autorin mit ähnlichem Setting machst du nichts falsch. :)

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  2. Ich habe das Buch auch vor Jahren gelesen und es geliebt! Muss endlich mal mehr von der Autorin lesen:)

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    1. Eigentlich ist keines ihrer Bücher schlecht, das ein amerikanisches Setting hat. Dementsprechend solltest du dir einfach eins greifen und loslegen, du wirst es bestimmt nicht bereuen! :)

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  3. Huhu! :)

    Ich habe Wacholdersommer auch gerade auf meinem Nachttisch liegen und freue mich schon dieses Wochenende mit dem Lesen zu beginnen. Indianer Geschichten mochte ich schon immer und da ich bisher noch kein Buch der Autorin gelesen habe, war ich noch neugieriger. Ich freue mich total, dass dir die Story so gut gefallen hat! Bisher habe ich nämlich eher durchwachsene Kritiken gelesen.

    Liebste Grüße
    Nina von BookBlossom

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    1. Viel Spaß beim Lesen, liebe Nina! Ich hoffe, dir gefällt es auch so gut. Ich kann mir vorstellen, was die Gründe für die durchwachsenen Kritiken gewesen sein könnten, z.B. würde ich es nicht empfehlen, wenn man mit anderen Glaubensweisen gar nichts anfangen kann. Ich fand es rundum gelungen. :) Schönes Wochenende!

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  4. Huhu,

    von Antje Babendererde habe ich als Jugendliche schon einmal "Die verborgene Seite des Mondes" gelesen und war fasziniert wie sie einen in diese "unbekannte" Welt hat eintauchen lassen. Mit Wacholdersommer habe ich auch schon geliebäugelt und nach deiner Rezension habe ich wirklich Lust, es zu lesen :-) Es kommt definitiv auf meine Wunschliste.

    Liebe Grüße,
    Alex

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    1. Freut mich, dass ich dich neugierig machen konnte! :) Liebe Grüße!

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