(Problematische) Klassiker: Sollten wir Klassikern Immunität gewähren?

Schon seit langem möchte ich zu diesem Thema einen Beitrag schreiben. Immer dachte ich mir: Lies dich noch ein bisschen ein. Mach dir noch ein paar Gedanken mehr dazu. Aber so oder so: ich komme eh auf keinen Nenner, der mich vollends zufrieden stellt.


Ich habe mich schon immer für Klassiker, Weltliteratur, interessiert. Ich möchte sie alle kennen, mitreden können, möchte, dass irgendein Klassiker auch auf mich eine bestimmte Faszination ausübt, mein Denken prägt und beeinflusst, vielleicht fühle ich mich belesener, wenn ich sagen kann: "'Sturmhöhe' ist mein absolutes Lieblingsbuch" (ist es nicht) - so oder so, aus welchen Beweggründen auch immer, ich möchte sie alle kennen. Es interessiert mich, was die Menschheit seit Jahrzehnten bewegt, was sich durchsetzt, warum es sich durchsetzt. Und ich habe riesigen Spaß am Interpretieren und Analysieren. 

Nun, letzteres kann ich nicht abstellen, auch nicht, wenn ich zeitgenössische Literatur lese. Und je mehr ich ein Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände entwickle, desto weniger kann ich diesen Blick ablegen. Und das beeinflusst mein Urteil. 

Ich habe den viel geliebten Roman To Kill a Mockingbird (dt: Wer die Nachtigall ruft) gelesen - konnte aber nicht anders, als zu sehen, dass dieses Buch Rassismen reproduziert. (Ein paar Worte dazu findet ihr hier. Den Beitrag würde ich mittlerweile etwas anders formulieren, die Quintessenz wird aber dennoch deutlich.) Genauso wie Gone with the Wind (dt: Vom Winde verweht) durchweg rassistisch ist - ich habe zwar nur den Film gesehen, aber es gibt auch genug Artikel zum Buch selbst -, so nimmt auch TKAM eine weiße Perspektive ein und widerspricht der eigenen Absicht. 

Vor ein paar Wochen habe ich And then there were none (dt: Und dann gab's keines mehr) von Agatha Christie gelesen. Das Buch hieß ursprünglich "Zehn kleine N***lein" und der Kinderreim zieht sich durch das ganze Buch. Dabei tut das eigentlich rein gar nichts zur Sache und im Englischen, das hab ich recherchiert, wurde der Abzählreim inzwischen in einigen Ausgaben zu "ten little soldiers" umgedichtet. Im Deutschen könnte man daraus "Zehn kleine Jägerlein" oder ähnliches machen. Es würde der Geschichte, wie gesagt, keinen Abbruch tun. Warum belassen wir es also dabei? Ja, es ist das Original. Und ich akzeptiere das Argument, dass es dem Zeitgeist zu Christies Zeit entsprach - einigermaßen. Eigentlich hätte man auch zu der Zeit als belesene Frau zwei und zwei zusammenzählen können, aber ich will mal nicht zu anmaßend sein. Was wir in der Hand haben, ist die heutige Rezeption und Weiterverbreitung und wenn es für die Geschichte irrelevant ist, finde ich eine Umbenennung eigentlich machbar. Auch bei Frühstück bei Tiffany kommen rassistische Begriffe vor, die nichts zur Handlung beisteuern (mal ganz abgesehen vom furchtbar rassistischen Film). Wie seht ihr das? 

Überhaupt habe ich das Gefühl, dass das Bewusstsein für rassistische und kolonialhistorische Begriffe und Inhalte erst häppchenweise in Deutschland ankommt. Ich erinnere da nur an die Debatten, als der "N***könig" in Pippi Langstrumpf umbenannt werden sollte. Warum tun wir uns so schwer damit? Sind Klassiker immun gegen heutige Wertvorstellungen? Sind unsere Wertvorstellungen einfach noch nicht so weit? Meist sind es Nicht-Betroffene, die die Meinung vertreten, dass es nicht relevant ist, solche Begriffe und Inhalte zu ändern. Es heißt oft "Solange man es beim Lesen problematisiert, kann/sollte es so stehenbleiben" - aber Worte haben Einfluss. Sie können wehtun. Wenn es von einigen Menschen als Gewalt empfunden wird, bestimmte Begriffe und Inhalte weiterzuverbreiten, dann möchte ich lieber in der heutigen Zeit für ein gutes Miteinander sorgen als die Worte Verstorbener ihrer Originalität wegen ungeändert weiterzuverbreiten. 


Natürlich denke ich im Zuge dessen auch über meine Beurteilungen nach. Sind Autor*innen und ihre Werke immun gegen (meine) heutigen Wertvorstellungen, nur, weil bestimmte Ansichten ihrem Zeitgeist entsprachen? Meine Antwort ist Nein. Dennoch kann ich diese Erklärung hinnehmen, weil ich es mir nicht anmaßen will, zu behaupten, ich hätte zu jener Zeit anders gedacht. Das heißt für mich, dass ich die Klassiker lesen und solche Inhalte und Begriffe "erklären" kann, dass ich sie aber als Rezipientin im Jahr 2017 nicht unkommentiert lassen möchte. Einem zeitgenössischen Buch, das solche Begriffe unbegründet beinhaltet, würde ich direkt eine schlechte Bewertung geben. Bei Klassikern handhabe ich das anders und fokussiere mich nicht darauf, wenn ich allerdings irgendwo darüber rede oder schreibe, dann problematisiere ich diese Aspekte und lasse sie, wenn auch nicht zu einem großen Teil, in die Bewertung einfließen. Genauso wie die Autor*innen der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte ihre Einflüsse nicht ablegen konnten, kann (und will) ich meine nicht ablegen und sehe in der Weiterverbreitung eine Verantwortung. 

Es gibt haufenweise Klassiker, die aus heutiger Sicht problematisch sind und über deren problematischen Aspekte viel zu wenig geredet wird, weil eine gewisse Immunität über ihnen zu schweben scheint. Ich halte das für falsch und finde unbedingt, dass wir über Rassismus, Sexismus, Ableismus und alles weitere, was derzeit diskutiert wird, auch in der Rezeption von Klassikern reden sollten. Nicht verurteilend, aber vergegenwärtigend. 

Wie steht ihr dazu? Ist euch ähnliches auch schon beim Lesen von Klassikern aufgefallen und habt ihr euch auch schon Gedanken darüber gemacht? Zu welchem Entschluss seid ihr gekommen? 

Nachtrag

Demnächst wird auf meinem Blog ein Beitrag von einer PoC veröffentlicht, die zu dem Thema auch einiges zu sagen hat.

Derweil empfehle ich euch diesen Blogpost. Es geht um Rassismus, Sexismus und andere Stereotype in Kinderbüchern, geschrieben von einer PoC. 

Diesen Post kann ich ebenfalls empfehlen. Gewährt einige interessante Einblicke aus Lektoren- und Autorenperspektive. 

Kommentare

  1. Ich kann die Gedanken nachvollziehen, aber andererseits finde ich es auch sehr problematisch, wie wir heutzutage oft über frühere Wertvorstellungen urteilen und dabei vermutlich unsere eigenen blinden Flecken nicht sehen (wenn wir das tun würden, wären es ja keine blinden Flecken mehr). Dabei stellt man sich so oft moralisch über frühere Menschen. Zum Beispiel: Die Verurteilung von über 90-Jährigen Nazis (die ja wirklich Abscheuliches getan haben, wohl aber auch nicht ganz alle aus innerer Überzeugung gehandelt haben - was die Handlungen wiederum keinesfalls verharmlosen soll) gibt jedem die Gelegenheit, sich als moralisch anderen weit überlegen zu fühlen. Selbstverständlich wäre man zur Nazizeit selbst nie auch nur ein schweigender Mitläufer gewesen, sondern hätte mutig dem ganzen Nationalsozialismus unter Todesgefahr Widerstand geleistet...
    Bei solchen Thematiken gleitet man so rasch ins Heuchlerische ab...
    Und bei den Klassikern: Hinter dem Wunsch nach Abänderung der Bücher steht ja irgendwie die Angst, wenn jemand etwas über "Neger" liest, werde er gleich zu einem Rassisten... Meiner Meinung nach ist diese Gefahr nicht wirklich gross - wenn jemand rassistische Ansichten hat, dann kaum wegen dem Lesen von "To kill a mockingbird" und ähnlichem. Wenn eine Elite irgendwelcher Art das gemeine Volk von falschen Ansichten bewahren will, läuten bei mir etwas die Alarmglocken (da kommt wohl die Schweizerin in mir zum Vorschein) - in der Geschichte haben soviel häufiger Entscheidungen sogenannter Eliten als die Entscheidungen des Volks bzw. Volksabstimmungen zu Katastrophen geführt... Vermutlich auch, weil "Eliten" dazu neigen, sich moralisch weit zu überschätzen...

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    1. Ich verstehe, was du meinst, habe da aber ehrlich gesagt an ganz andere Richtungen gedacht. Wenn ich an Änderungen oder Problematisierungen denke, denke ich an mögliche Rezipienten, die es treffen könnte, ich denke an das Heute. Ich möchte mich nicht über die Autor*innen stellen, ich schrieb im Beitrag ja, dass ich mir nicht anmaße, ich wäre zu der Zeit 'besser' gewesen. Und wenn wir uns vor Augen führen, dass unsere Gesellschaft eine postkoloniale und rassistisch geprägte ist und dass Rassismen noch in allen Lebenswelten reproduziert werden, dann denke ich schon, dass wir das an möglichst vielen Stellen unterbinden sollten. Niemand wird durch die Bücher militant rassistisch, nein. Aber die Bücher fügen sich in rassistische Reproduktionen ein.
      Dass du gegen eine unkommentierte Abänderung im Sinne der Zensur bist, das leuchtet mir völlig ein. Ein Mittelweg wäre womöglich, sowohl bei Änderungen als auch beim Beibehalten in Fußnoten zu problematisieren, sodass das Original nicht verschwindet.

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  2. Kurze Antwort: Ja. Lange Antwort: Ja, aber... (sorry^^)
    Dass diese Bücher so geschrieben sind, wie sie es sind, ist nunmal so. Lee, Capote, Lindgreen und all die anderen sind tot, man kann sie nicht mehr auf ihre Fehler hinweisen und es ist, wie du schon sagst, auch ein bisschen unfair, sie für etwas zu verurteilen was man nicht nachempfinden kann, weil man selbst eben nicht zu der Zeit gelebt hat. Aus Negerlein Jägerlein zu machen oder den Negerkönig umzubennen ist für mich trotzdem keine Lösung. Kann man machen, aber ich, die ich nun weiß und privilegiert bin, finde, das ignoriert das Problem, dass uns die Klassiker von früher heute bescheren. Ich glaube nicht, dass das Weglassen von problematischen Formulierungen und Inhalten etwas besser macht. Mir hilft es mehr, wenn es konkret angeprochen und thematisiert wird. Zum Beispiel fände ich Fußnoten an problematischen Formulierungen passend, Vor- oder Nachwörter bei problematischen Büchern, generelle Erklärungen zum Kontext, usw.; bei allem was heute entsteht oder zukünftig noch kommt, sollte man unseren heutigen Kenntnisstand darauf anwenden. Die meisten sind beim Lesen allein und dabei bildet sich ein erster Eindruck. Ich glaube, den muss man angreifen. Also ja, Immunität für Klassiker, aber in Grenzen.

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    1. Im Grunde bin ich da ganz bei dir, dass die Problematisierung durch Fußnoten, kritische Rezeption usw stattfinden sollte. Allerdings, vor allem im Falle der Kinderbücher wie Pippi, würde ich widersprechen. Du sagst ja "Ich glaube nicht, dass das Weglassen von problematischen Formulierungen und Inhalten etwas besser macht." und gerade das glaube ich schon, wenn ich mir vorstelle, dass ein Schwarzes Kind diese Formulierung vorgelesen bekommt oder liest und sich dabei schlecht fühlt. Wenn auch nur bei einem Kind das Weglassen für mehr Wohlfühlen und weniger Schmerz sorgt, macht es das in meinen Augen schon besser. Natürlich hilft es, Kindern zu erklären, dass es heute nicht mehr gutgeheißen wird, das zu sagen und dass es früher "normal" war, aber das Unwohlsein verschwindet dadurch ja nicht. Dementsprechend würde ich individuell, je nach Buch, entscheiden, in jedem Fall aber, egal ob geändert oder nicht, Fußnoten einbinden.

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    2. Aaaah, sorry, ich bekomme von Blogspot-Blogs nie Benachrichtigungen. War keine Absicht, dich lange warten zu lassen :(

      Ja, da hast du recht, soweit hab ich tatsächlich nicht gedacht, weil ich nur von mir ausgegangen bin. Und ich brauche diese Erklärungen, damit ich Fehler vermeiden kann. Aber ich finde eben auch, gerade bei Pippi ist es dieses eine Wort (mWn) - das zu ändern ändert nichts an der Geschichte, deswegen verstehe ich diesen Unwillen nicht.

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  3. Ich finde es offen gesagt nicht fair einen Klassiker zu verurteilen, nur weil er eine Gesellschaft abbildet, die veraltet ist. Dafür sind es doch Klassiker, sie zeigen, wie es damals war, ob das nun gut oder schlecht ist. Im Prinzip müsste man dann ja so einige Klassiker der Weltliteratur überarbeiten (oder auch zensieren) damit problematische Begrifflichkeiten dort nicht mehr auftauchen. Das fände ich fatal. Wie oft musste ich beim Lesen von Austen oder Bronte mit den Augen rollen aufgrund des damaligen Frauenbildes und der Art wie damals gesellschaftlich miteinander verkehrt wurde. Aber so war es eben nun einmal und es sollte uns ein warnendes Beispiel sein wenn man liest wie es den Schwarzen (insbesondere den Frauen) in "Die Farbe Lila" ergangen ist. Daraus kann und sollte man lernen. Den Begriff "Immunität" finde ich in diesem Zusammenhang etwas fehl am Platze. Es wurden damals einfach Werte vertreten und dargestellt die so heute nicht mehr gebräuchlich sind und darüber zu urteilen steht uns nicht zu. Wir können nur aus der Vergangenheit lernen und es besser machen und die Lektüre dieser Bücher kann einen wertvollen Beitrag dazu leisten.

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    1. Deshalb spreche ich ja auf keinen Fall vom Verurteilen und in Bücher wie "Die Farbe Lila" gehört das nun mal (leider) auch rein. Allerdings beim Beispiel Agatha Christie: die englische Fassung wurde ja abgeändert und das Wort tut rein gar nichts zur Sache und hat mit der Handlung nichts zu tun. Da fänd ich eine Abänderung - gerne mit Fußnote(n) - ehrlich gesagt überhaupt nicht schlimm.

      Zur Rezeption an sich: Natürlich betrachte ich Klassiker auch zu einem Großteil in ihrem Zeitgeist. Jane Austen macht mir trotz des Sexismus und Klassismus großen Spaß. Aber ich kann manches in meiner Beurteilung, die ich nun mal aus heutiger Sicht tätige, nicht unproblematisiert lassen.

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  5. Sorry, irgendwie fehlte der halbe Kommentar... Also nochmal:

    Huhu :)

    Das ist echt ein ziemlich wichtiges und meiner Meinung nach auch alles andere als einfaches Thema.

    Ich muss ehrlich sagen, dass ich es alles andere als unproblematisch finde, alte Texte generell abzuändern, sodass sie politisch korrekt sind. Ich kann die Motivation dahinter zwar durchaus nachvollziehen und finde es z.B. bei Kinderbüchern auch nicht zwingend verkehrt, aber bei mir schwingt da auch immer ein ungutes Gefühl mit.

    Sehr viel wichtiger finde ich nämlich das, was du auch erwähnst: Die kritische Auseinandersetzung mit solchen Werken, die teils wirklich sehr problematisch sind, wenn man sie unreflektiert liest. Nur dass diese kritische Auseinandersetzung leider viel zu selten passiert, daran erinnere ich mich noch gut genug bei diversen Schullektüren und das kriege ich leider auch im Germanistik-Studium immer wieder mit.

    Ich finde es oft einfach schade, dass es nichts dazwischen gibt. Dass einerseits meist die, wie du sie ganz treffend nennst, "Immunität" von Klassikern so unkommentiert hingenommen wird, andererseits, wenn dann etwas übel aufstößt, oft eher nach "Vertuschung" oder "Schönmalerei" (mir fällt gerade kein passenderes Wort ein) durch Umformulierung der Texte geschrien wird, statt für eine nachhaltige kritische Auseinandersetzung mit Werken, die ja auch immer Zeitdokumente sind, zu sorgen.

    Weitaus sinnvoller als die stumpfe Änderung bestimmter Begriffe hin zu ihren politisch korrekten Pendants ist meiner Meinung nach eben der bewusste Umgang damit. Dafür bieten sich, wie ich finde, kommentierte Ausgaben solcher Texte an. Einleitungen und Nachwörter, vor allem aber Fußnoten, die sich kritisch mit dem Werk auseinandersetzen und auf seine Problematiken hinweisen ohne diese zu verteufeln.

    Denn den Autoren ihre Ausdrucksweise jetzt, oftmals lange, lange Jahre nach ihrem Tod, als Fehler vorzuwerfen, bringt niemandem etwas. Die Dinge, die sie gesagt haben, entsprachen nun mal oft dem Zeitgeist und wie du selbst sagst, es ist zweifelhaft, ob wir uns damals selbst anders ausgedrückt hätten. Dass viele dieser Formulierungen heute als falsch gelten hat zwar definitiv seine Richtigkeit, aber deshalb quasi ihre Existenz zu verleugnen ist meiner Meinung nach einfach keine Lösung.

    Deshalb finde ich Immunität für Klassiker an sich auch nicht falsch. Immunität, in dem Sinne, dass diese Werke ein Recht dazu haben, so zu existieren, wie sie geschrieben wurden. Aber nicht Immunität in Bezug auf die kritische Auseinandersetzung mit möglicherweise problematischen Texten bzw. Textstellen. Denn die ist wichtig und passiert leider viel noch viel zu selten und das ist meiner Meinung nach das wirkliche Problem hier.

    Von daher: Ja, Klassikern sollte eine gewisse Immunität gewährt werden, aber diese Immunität kann nur funktionieren, wenn die richtigen, d.h. kritischen, Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden.

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Du hast es total gut auf den Punkt gebracht und ich kann dir in allem beipflichten, auch, wenn ich Abänderungen (vor allem in Kinderbüchern, wie du sagst) nicht ganz soo kritisch gegenüberstehe. Je mehr ich darüber nachdenke, desto passender kommt mir die Lösung vor, Abänderungen durch Fußnoten zu versehen und in diesen die originalen Begriffe zu nennen und warum diese nicht weiter reproduziert werden. Und selbst wenn die Begriffe beibehalten werden, wären in jedem Fall erklärende Fußnoten angebracht. Alles andere hast du ja auch schon genannt, auch, dass kritische Rezeption in Bezug auf -ismen leider noch zu wenig stattfindet. Danke dir!

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    2. Wie gesagt, gerade bei Kinderbüchern kann ich Änderungen teils wirklich gut nachvollziehen. Aber gerade dann würde ich mir auch die entsprechenden Fußnoten wünschen, die diese Änderungen - kindgerecht - erklären.

      Und bei Literatur, die sich an ein älteres Publikum richtet, sind Änderungen meiner Meinung nach gar nicht nötig, Fußnoten (oder halt auch Vor- und Nachwörter, wobei die halt weniger direkten Textbezug haben und, wenn ich von mir selbst ausgehe, auch oft nicht gelesen oder nur schnell überflogen werden) dafür umso mehr, um eben problematische Stellen zu kennzeichnen und in einen entsprechenden historischen Kontext zu rücken, da vielen Lesern entsprechende Kenntnisse über den damaligen Zeitgeist vermutlich gar nicht bewusst sind und das die Reflexion solcher vermeintlich "bösartiger" Begriffe natürlich schwierig macht.

      Auf jeden Fall ein super spannendes Thema und eins, bei dem es noch sehr viel zu tun gibt - ich zumindest habe noch keine kommentierten Ausgaben alter Kinderbücher gefunden. Andere Klassiker ja, wobei auch dann nur im Uni-Kontext und nicht so im "privaten Lektüre-Bereich".

      (Sorry für den plötzlichen Nameswechsel, ich hätte gedacht, dass Google das rückwirkend ändert XD)

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    3. Da stimme ich zu! :)

      Ein gutes Beispiel für solche kommentierte Ausgaben ist die Jane Austen-Box von Reclam, die ich dieses Jahr bekommen habe. Ich habe Mansfield Park zwar gehört, parallel aber immer wieder im Buch geblättert und zum Schluss die ganzen Fußnoten und das Nachwort nachgelesen. Das waren nicht wenige Seiten, aber so informativ! So etwas würde ich mir in allen klassischen Büchern wünschen, auch, wenn es nicht um Problematiken geht, sondern um Deutungsmöglichkeiten oder Kontextualisierungen. Aber da geht vielleicht auch in meinem Fall nur die Germanistin in mir durch. :D

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    4. Ja, ich wurde auch schon das eine oder andere Mal komisch angeschaut, wenn ich von kommentierten Ausgaben geschwärmt habe - zuletzt z.B. "Ulysses" und "Don Quixote" oder eben die kommentierten Ausgaben aus der Reclam Bibliothek. Das scheinen irgendwie fast nur andere LitWissenschaft-geprägte Menschen nachvollziehen zu können XD

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    5. Das stimmt wohl. :D Wenn ein Klassiker das nicht beinhaltet, durchstöbere ich entweder das Internet oder den Katalog der Unibib, irgendwas muss ich immer nochmal lesen. :D

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  6. Ich erinnere mich noch an den Beginn dieser Diskussion, was so 2010 gewesen sein müsste. Damals ging es eigentlich primär um Rassismus in Kinderbüchern, insbesondere eben auch bei Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" oder eben Preußlers "Kleiner Hexe".
    Die Verwendung von Begriffen wie N****lein oder N****könig sind aus der heutigen und wesentlich aufgeklärteren Sicht rassistisch und ja, entsprechend auch als problematisch zu betrachten, aber sie entsprechen einem Zeitgeist, der in der Rezeption von Literatur schon immer eine ausschlaggebende Rolle gespielt hat und eigentlich auch immer Einklang finden sollte. Ganz ehrlich: Menschen, die sich mit Literatur und Klassikern auseinandersetzen, sind sich dessen in der Regel auch bewusst. In dem Moment, in dem literarische Texte umgeschrieben werden, um dem heutigen Weltbild zu entsprechen, wird meiner Meinung nach etwas zensiert und damit auch der Zugang zu einer Problematisierung erschwert.

    Ich habe als Kind auch die Geschichten von Pipi gelesen, in der Version, dass da eben noch N****könig und nicht Südseekönig stand, und aus mir ist auch keine Rassistin geworden, sondern vielmehr jemand, der ein Bewusstsein für solche Dinge entwickelt hat. Ja, ich hatte das Glück in einem Elternhaus aufzuwachsen, die mir anhand dessen erklärt haben, dass dies ein negativ-besetzter und abwertender Begriff für Schwarze Menschen ist, der so heute keine Verwendung mehr findet. Ich bin mir bewusst, dass das kein Selbstverständnis ist, und das nicht in jedem Elternhaus stattfinden kann oder wird. Aber solche Dinge können sehr gut in Schulen problematisiert werden oder insbesondere auch einfach, in dem man die Stellen in Büchern hervorhebt und das in Fußzeilen/Anhängen kritisch beleuchtet. Komplettes Ausblenden bringt Nichts.

    Zusätzlich wird immer eine Sache bei dem "Sofort umschreiben!" außer Acht gelassen: Die Gesellschaft ist kein statisches Gebilde, sondern ein äußerst dynamisches, das einen Meinungsprozess durchläuft, das für -ismen sensibilisiert wird. Wer bin ich also, mir anmaßen zu können, was in Literatur stehen bleiben darf und was nicht, wenn doch in einigen Jahren eine Gesellschaft die Meinung vertreten könnte, dass das, was ich da gerade gemacht habe, alles andere als politisch korrekt ist? In dem Moment, in dem ich einen Text, der einige Jahrhunderte alt ist, ändere, stelle ich mich damit über Autor*innen, die in der Regel bereits verstorben sind, und verurteile sie für etwas, wofür sie letztlich nichts kennen: Den gesellschaftlichen Rahmen, in dem sie gelebt haben - und das finde ich auch gerade im Hinblick auf die Historie verwerflich und wie in den Kommentaren weiter oben bereits angebracht auch ein stückweit heuchlerisch.

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    1. Liebe Julia,

      danke für deinen Kommentar. Ich kann deine Argumentation auf jeden Fall nachvollziehen, denke da aber im Fall von Pippi Langstrumpf zB an die ganzen Schwarzen Kinder, die das vorgelesen bekommen und entweder schon da oder wenn sie älter werden, als gewaltvoll empfinden. Gerade da finde ich eine Lösung angebracht, und sei es nur in Form von Fußnoten. Mein Idealfall wäre, glaube ich, die Umbenennung mit einer Fußnote, in der erwähnt wird, was ursprünglich da stand und warum es da nicht mehr steht. Das wäre vielleicht ein Mittelweg, der weder zensiert, noch reproduziert.

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  7. Hallo liebe Elif,

    definitiv ein schwieriges Thema, dass du da ansprichst und im ersten Moment habe ich dir auch zugestimmt, aber ich glaube, dass eine Zensur solcher Begriffe in Klassikern nicht das erreichen würde, was gewünscht ist. Solche Begriffe zu zensieren oder abzuändern, würde in gewisser Weise bedeuten, Missstände oder veraltetes Gedankengut einfach wegzuschieben und zu ignorieren, dass es eben Zeiten gab, in denen so gedacht wurde.

    Für ein Uniseminar haben wir letztens zB "Jugend ohne Gott" gelesen und in dem Buch kam das Wort "N*ger" relativ oft vor - man muss aber auch beachten, dass das Buch zu NS-Zeiten spielt und die Herabwürdigung von Schwarzen dort leider die Norm war. Würde man das abändern, wäre der Effekt hinüber, den das Buch heute auf uns hat. Ich denke mal, wer ein solches Buch zur Hand nimmt, ist in den meisten Fällen ein kritischer Leser. Klar, in Schulen und auch in Seminaren sollte man darauf eingehen und das erklären und in den historischen Kontext setzen. Oder Fußnoten machen, wie in einem Kommentar weiter oben geschrieben wurde.

    Ich zucke jedenfalls bei solchen Worten in Klassikern immer innerlich zusammen und denke im ersten Moment: Oh je, hätte man das nicht umformulieren können? Aber dann kommen die oben genannten Gedanken und so kann man es dann erklären. In heute geschriebener Literatur sollten solche Begriffe aber tatsächlich nur in einem extrem kritischen Kontext auftauchen, ansonsten würde ich das auch sehr bedenklich finden.

    Danke auf jeden Fall für den interessanten Post und die Denkanstöße!

    Viele liebe Grüße,
    Marie

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    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Marie! :)
      Für eine Umbenennung wäre ich auch wirklich nur in den Fällen, in denen die Begriffe nichts am Inhalt ändern. Im Agatha Christie-Buch geht es zB in keinster Weise um Schwarze Menschen, der Abzählreim ist einfach nur drin, weil die Leute nach und nach den Reimen entsprechend sterben. Da kann man den Begriff ändern, ohne dass sich der Inhalt ändert, so wie es im Englischen teilweise schon geschehen ist. Mindestens eine Fußnote fänd ich aber angebracht. Wenn es allerdings um historische Bücher geht oder solche, die Missstände und Realitäten aufzeigen wollen, wäre eine Abänderung nicht in meinem Sinne. :)
      Gerne und danke nochmal!

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    2. Stimmt, da hast du recht. In diesem Fall ist es eher unangebracht - andererseits zeigt es ja auch wieder eine Art Zeitgeist. Aber du hast schon recht, wenn es wirklich gar nichts damit zu tun hat, dann ist es angebracht, so etwas zu ändern. Vielleicht wäre es hier ganz "interessant" solche Änderungen aber zu erwähnen z.B. in einem Vorwort oder so. Zeigt dann eventuell auch nochmal einen sensiblen Umgang mit solchen Themen!

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    3. Genau, das wäre meiner Meinung nach die Lösung, die am passendsten wäre, in den Fällen, in denen die Begrifflichkeiten inhaltlich irrelevant sind. :)

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  8. Das Schwierige an der Zensur von Büchern und Ausdrücken ist, dass es nicht DIE eine Art von Buch und auch nicht DIE eine Art von Lesesituation gibt.

    Wo tatsächliche Auseinandersetzung und fruchtbare Debatte möglich sind, bin ich grundsätzlich dafür, kritisches Sprachmaterial in Büchern bestehen zu lassen, aber nur unter der Bedingung, dass es auch entsprechend eingeordnet wird. Große Teile der frankokaribischen Literatur kann man ohne das N-Wort eigentlich nicht angemessen ins Deutsche übersetzen, weil es dort tatsächlich Eigenbezeichnung für bestimmte Bevölkerungsgruppen ist bzw. war. Das wusste ich bis zu meinem Studium auch nicht und in einem Übersetzungsseminar hatten wir damit extrem Mühe, weil wir alle dazu konditioniert wurden, das N-Wort unter jeder Bedingung zu vermeiden. Nun macht es aber einen riesigen Unterschied, wer das N-Wort aus welchen Gründen in den Diskurs einbringt - und die Fähigkeit, genau das zu erkennen, kann nur vermittelt werden, wenn Sprachmaterial tatsächlich angetroffen werden kann.
    Tilgung führt bloß dazu, dass dem Großteil der Bevölkerung die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema abgenommen wird. Genau das ist ja aber die große Herausforderung bei der Neubewertung von literarischen Klassikern in Deutschland: die postkoloniale Debatte wurde hier noch nicht ausreichend geführt.
    Bei Büchern für Erwachsene bin ich daher absolut für Fußnoten, Ergänzungen und zusätzliche Abschnitte - auch wenn natürlich das Risiko besteht, dass diese einfach überlesen werden. Wer ein Buch von Agatha Christie kauft, möchte im Regelfall eben einen Krimi lesen und nicht in die postkoloniale Debatte eingeführt werden.

    Bei Kinderbüchern sehe ich da schon ein größeres Problem, weil Kinder durchschnittlich andere Lesemodi wählen als Erwachsene und ihre Identität sowie ihr Wertebild erst noch stabilisieren müssen und dabei Unterstützung benötigen. Kommentare in Büchern können ein guter erster Schritt sein, sind aber bei weitem nicht ausreichend. Und vor allem bei Kinderbuchklassikern, die wirklich quer durch die Gesellschaft gelesen werden, sollten wir einfach davon ausgehen, dass es Kinder geben wird, die diese weitere Unterstützung nicht ausreichend erhalten werden.
    In dem Fall bin ich für unkritische Ausgabe, nur um keine schlafenden Hunde zu wecken, meinetwegen auch in modernisierten, also politisch korrekteren Fassungen. Ich finde auch das Geschrei um die Anpassung von Büchern und "unser Kulturgut" auch etwas heuchlerisch. Welche Eltern bestehen zum Beispiel darauf, deutsche Märchen in ihrer Urform und nicht eine modernisierte Form mit freundlichen Bildern von der ohnehin bereits angepassten, sanfteren Variante der Brüder Grimm vorzulesen? Eben!

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    1. Ich verstehe deine Gedanken, finde es auch wichtig, dass du sie dir machst und die Diskussion anregst.

      Als es um die Umbenennung des Negerkönigs bei Pippi Langstrumpf ging, habe ich ebenfalls viel diskutiert.

      Ich lese auch gerne hin und wieder einen Klassiker, für mich sind es Zeugen ihrer Zeit und auch wenn ich sie übersetzt lese, möchte ich sie möglichst unverändert lesen.

      Ja, Vom Winde verweht ist rassistisch, das war damals so. Es ist nicht gut, dass es damals so war, aber selbst wenn die Begriffe in der Geschichte geändert werden, bleibt die Intention und ich finde es auch wichtig, sich ein Bild von der Zeit zu machen, über Romane geht das auf sehr angenehme Art. Wie haben die Menschen damals gedacht, wie viel hat sich geändert und wie viel tatsächlich doch noch nicht.

      Bei Pippi Langstrumpf ist die Sachlage anders, denn der Begriff "Negerkönig" war nicht rassistisch gemeint, war eben der Begriff der Zeit. Erinnere mich noch, wie Negerküsse in Dickmänner umbenannt wurden. Ein Wort hatte sich zum Schimpfwort entwickelt.
      Hier kann es sinnvoll sein, die Geschichte zu überarbeiten, aber dann vielleicht in einer sprachlich kompletten Neuauflage, die dann nur noch Pippi Langstrumpf nach Astrid Lindgren wäre, so dass die Idee erhalten bleibt, die Geschichte für heutige junge Leser verständlich ist.

      Auf die Weise kann und wird ja auch mit Klassikern verfahren, die Geschichten werden neu erzählt, das finde ich gut, aber ich mag es auch, die "schwierige" Fassung zu lesen, in der sollen die Begriffe aber dann auch so dastehen, wie sie der jeweiligen Zeit entsprechen.

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    2. Christin, danke für den Kommentar! Ich kann dir in allem nur beipflichten, du hast es total gut auf den Punkt gebracht. Ich finde es auch immer wieder spannend, was du aus dem französischen Sprachraum zu diesen Debatten zu ergänzen hast - wie unterschiedlich Aufarbeitung eben sein kann. Hoffentlich zieht Deutschland endlich mal nach, aber im Moment scheint es mir noch sehr schleppend voranzugehen.

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    3. Liebe Stephanie,
      ich stimme dir auf jeden Fall zu, dass es Zeugnisse ihrer Zeit sind und in Fällen wie "Vom Winde verweht" würde ich gar nichts abgeändert haben wollen - da fehlt mir allerdings tatsächlich oftmals die kritische Auseinandersetzung. So viele schwärmen von der Liebesgeschichte zwischen Scarlet und Rhett, aber so wenige reden - nach meinem Empfinden - über den Rassismus in diesem Buch. Ein Abändern jeglicher Art würde das bagatellisieren und da bin ich entschieden dagegen.

      Im Falle von Pippi allerdings sehe ich keinen Verlust für die Geschichte, wenn dieses eine Wort abgeändert wird. Das nicht, wie du sagst, zum Schimpfwort "geworden" ist, für Schwarze Menschen war es das schon seit langem. Nur die - in diesem Fall - Deutschen haben das lange Zeit nicht begriffen, da war und ist das Geschrei bei Umstellungen leider groß. Ich hätte lieber, dass auch beispielsweise afrodeutsche Kinder ohne schmerzliche Erfahrungen Kinderbücher wie Pippi Langstrumpf lesen können, statt an der Originalität festzuhalten, für die dieses eine Wort nicht so ausschlaggebend sein kann.

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  9. Hallo Elif,
    vieles von dem, was ich sagen wollte, wurde hier schon in anderen Kommentaren gesagt und ich schließe mich einfach an.

    Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Kinderbücher ein Sonderfall sind. Kinder sind, was Meinung und Sprache angeht, beeinflussbarer. Als Kind waren für mich Wörter in Büchern etwas ganz besonderes und keine Geschichte habe ich so gerne gehört wie vom Fischer und seiner Frau, weil darin das Wort Pisspott stand und meine vorlesende Mutter Pisspott sagen musste, und ich dann in der Konsequenz auch Pisspott sagen durfte. Nun beleidigt das Wort ja aber zum Glück keine Bevölkerungsgruppe. Da es nichts zur Geschichte an sich beiträgt, was genau für ein König Pippis Vater nun ist, kann er auch ruhig Südseekönig sein, das tut keinem weh. Gleiches gilt für Agatha Christie - da kann auch ein anderer Abzählreim stehen, das ändert im Wesentlichen nichts.

    Bei anderen Klassikern finde ich das schwieriger. Denn diese 'großen' Romane sind eben auch ein Zeugnis der Geistesgeschichte und dokumentieren den Rassismus ihrer Entstehungszeit. Auch wenn das unschön ist, finde ich das eine wichtige Funktion. Die AutorInnen waren selbst vielleicht überhaupt keine bewussten RassistInnen, aber eben Kinder ihrer Zeit, die eine Geisteshaltung normal fanden, die wir heute als rassistisch erkennen bzw. bewerten. Ich lese z.B. gerade Simone de Beauvoir und ich glaube nicht, dass sie sich als Rassistin gesehen hätte. Aber mit welcher Selbstverständlichkeit sie über 'Primitive' (im Gegensatz zu Kulturvölkern) schreibt, ist schon der Wahnsinn.
    Ich finde es wichtig, dass diese Entwicklung sichtbar und nachvollziehbar bleibt, weil es die grauenhafte Selbstverständlichkeit von Rassismus dokumentiert. Es sind Menschen unter diesen AutorInnen, die ich sehr schätze, weil sie kluge und lesenswerte Romane geschrieben haben und dann hauen die krasse Rassismen in ihr Werk und merken es nicht, weil die Zeit, in der sie leben, Rassismen nicht als solche erkennt.

    Ich finde das wirklich ein schwieriges Feld und sicher ist es nicht an mir, zu entscheiden, welche Begriffe wie verletzend und wie beleidigend sind. Weiße, heterosexuelle cis-Frauen werden in der Literatur zwar oft nicht für voll genommen, aber auch nur selten offen beleidigt. Die Dokumentation diskriminierender Haltungen aller Art finde ich aber wichtig, da nur so das volle Ausmaß und die Notwendigkeit deutlich wird, dagegen vorzugehen. Wichtig finde ich vor allem eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit der Thematik, und daran hapert es oft, besonders im schulischen Kontext, so zumindest meine Erfahrung.

    (Das Bremer Überseemuseum hat übrigens eine neue Reihe zu Kolonialen Spuren. Vielleicht ist das für dich interessant.)

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich stimme dir in allem zu, bei Kinderbüchern und Büchern wie "Und dann gab's keines mehr", wo es nichts mit der Handlung zu tun hat, finde ich Abänderungen total machbar.
      Bei anderen Werken sehe ich das wie du, auch, wenn ich es aus heutiger Sicht nicht gut finde, sind sie Zeugnisse ihrer Zeit. Eine Abänderung würde ein Schönreden bedeuten, was ich gar nicht gutheißen könnte. In solchen Fällen bin ich viel mehr für differenzierte Auseinandersetzungen und kritische Ausgaben.

      Danke für den Tipp mit dem Überseemuseum, da werde ich mich mal schlau machen! :)

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  10. Hallo Elif,

    auf jeden Fall ein interessantes Thema!
    Ich verstehe ja worum es allen hier geht – ABER

    Wie einige schon angemerkt haben, wer sind wir, das wir entscheiden was umgeschrieben wird und was nicht.
    Wollen wir jetzt auch die Bibel umschreiben und voller politisch korrekter Anmerkungen „vollkleistern“?
    Wollen wir jetzt ALLE Märchen umschreiben und mit Anmerkungen versehen?
    Ja auch die Bibel ist von Vorne bis Hinten mit Vorurteilen voll und mit Geschichten, die wir in der heutigen Zeit als rassistisch ansehen!
    Das Gleiche mit Märchen.

    Die sogenannten Klassiker sind Geschichten aus ALTER Zeit!
    Zu der Zeit waren die Umstände so.
    Und wenn ich solch ein Buch lese, dann will ich die Geschichte so lesen wie sie war und NICHT wie sie heute geschrieben werden würde. Auch will ich dann kein Buch lesen, wo ich vor lauter politisch korrekten Hinweise die Geschichte nicht mehr in ihrem Ursprung folgen kann.

    Ich habe schon viele Geschichten gelesen, in der es um Sklaven in den Südstaaten geht, oder in der Kolonialzeit z. B. in Indien. Geschichten aus den Anfängen der USA, wo die „Indianer“ von „Weißen“ ausgerottet wurden.
    Ja, überall in diesen Geschichten haben die „Weißen“ das Sagen und herrschen über die „Schwarzen“ - aber das WAR SO in der Zeit, in dem die Geschichte dann spielt!
    Klar sag ich dann am Ende: Zum Glück ist das heute nicht mehr so und so soll es nie wieder werden. Bzw. wo noch ähnliche Zustände herrschen muss was passieren.
    Aber wie gesagt, in dem Moment wo ich so ein Buch lese, bin ich in der damaligen Zeit und habe nicht im Hinterkopf ein Register mit politisch korrekten Ausdrücken.

    Natürlich heißt das nicht, das es mir egal ist, wenn in Bücher die in der heutigen Zeit spielen, nicht darauf geachtet wird.
    Denn gerade weil wir durch die Klassiker wissen wie es war, sollten wir heute schlauer sein (und sind es ja auch).

    Außerdem frage ich mich gerade wie ihr die „Sternchen-Wörter“ benennen würdet, wenn ihr euch sprachlich und nicht schriftlich austauschen würdet. Wie soll man sich über so ein Thema unterhalten, wenn man die Worte um die es geht nicht ausspricht?
    Mir ist klar das man die Bezeichnungen heute nicht mehr für die Bevölkerungsgruppe, die mal so benannt worden ist, in den Mund nimmt, aber ein Buchstabe und ein paar Sternchen lassen sich verbal in meinem Gespräch schlecht umsetzen, außerdem kommt es auf den Kontext an in dem man solche Wörter ausspricht.
    Was Märchen angeht, da hab ich mehrere Sammlungen und zwei Ausgaben habe ich noch von meiner Oma – also definitiv nicht politisch korrekt.
    Meinem Sohn hab ich damals daraus vorgelesen, obwohl ich wusste das es auch andere Ausgaben gibt und trotzdem ist er weder ein Rassist noch sonst ein übler Mensch geworden und fängt nun eine Ausbildung im sozialen Bereich an.

    Also Fazit – Klassiker will ich so lesen, wie sie geschrieben wurden und am Ende kann ich immer noch sagen: Gut das es heute anders ist.
    Ich bin weder eine Rassistin noch herrscht bei mir ein altes Rollenschema vor. Ich arbeite in einem sozialen Beruf und in meiner Freizeit bin ich ehrenamtlich sozial tätig und da grenzt sich nichts aus.
    Ich finde es gut, wenn man in der heutigen Zeit nicht nur die Augen aufhält, sondern auch den Mut hat seinen Mund aufzumachen und sich engagiert – aber man sollte auch die Kirche im Dorf lassen.

    Sooooorry für den langen Text, aber das musste ich jetzt doch mal loswerden.
    Wünsche dir ein schönes Restwochenende!

    Liebe Grüße,
    Su

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    1. Liebe Su,
      da hast du mich ein wenig falsch verstanden, fürchte ich, ich bin ganz und gar nicht für Abänderungen in Büchern, in denen diese Themen eine Rolle spielen. Das wäre überhaupt nicht in meinem Sinne, schließlich soll nicht verschleiert werden, was war. In den Fällen bin ich für kritische Auseinandersetzungen, Fußnoten, was auch immer hilft, die Debatten zu vergegenwärtigen.
      Die Fälle, in denen ich mich für Abänderungen ausspreche, sind die, in denen die Begriffe (den man im Mündlichen übrigens mit "N-Wort" kommunizieren kann) vorkommen, ohne, dass sie auch nur irgendeine Relevanz für die Handlung haben, außer, dass sie als Quellen ihrer Zeit dienen könnten. Und das können sie durch Anmerkungen ja immer noch, die die Umänderung erklären könnten.

      Hättest du deinem Sohn auch so daraus vorgelesen, wäre er Schwarz? Mir fehlt bei diesen Überlegungen der Gedanke, dass auch Schwarze Kinder zum Publikum dieser Bücher gehören. Ich vermeide lieber, dass diese sich unwohl fühlen, als in einem Buch einen Begriff beizubehalten, der inhaltlich eigentlich gar keinen Einfluss hat.
      Liebe Grüße und schönen Sonntag!

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    2. Hi Elif,

      sorry, aber ich hatte die Tage keine Zeit zu antworten.
      Ich habe dich schon richtig verstanden, aber dennoch möchte ich eben keinen Klassiker lesen, der von Anmerkungen nur so überquillt, nur weil es zu der Zeit eben die Sichtweise und Ausdrucksweise gab.
      Und auch in Zukunft wird sich garantiert irgendwann die Sichtweise in andere Richtungen entwickeln und andere Themen zur Diskussion stehen und was würden wohl die Autoren*Innen dann wohl sagen, wenn ihre Werken abgeändert werden sollen - so fern sie dann noch leben.

      Klassiker soll Klassiker bleiben, sonst ist er keiner mehr und jede Abänderung ist für mich Zensur - auch wenn die Geschichte in dem Buch mir Erklärungen und Anmerkungen "vollgestopft" wird.

      Was die Märchen angeht, ok, da muss keine Figur mehr mit dem N-Wort betitelt werden und mir fällt jetzt auch kein Märchen ein, das ich früher vorgelesen habe, wo das drin vorkam. Pippi Langstrumpf gab es bei uns nicht, weil ich die Geschichten selbst als Kind schon nicht mochte.
      Wobei das aber auch ein gutes Beispiel ist, wie eine Autorin zu ihren Lebzeiten eine Bearbeitung verboten hat. Erst als sie gestorben ist, sind die Bücher dann ein paar Jahre später abgeändert worden. In Schweden werden bis heute die Originalen vertrieben.
      Den Struwwelpeter gibt es übrigens bis heute in der Urform.

      Anderseits finde ich es aber auch als Ansatz sich mit dem Kind über solche Themen auseinander zusetzen. Kinder kommen eigentlich von selbst an, wenn sie was nicht verstehen - aus reiner kindlicher Neugier.
      Wenn also mein Kind während des Vorlesens mich fragt was ein N*lein ist, dann kann ich es ihm erklären und auch die heutige Sicht dazu.
      Wenn die Kinder aber solche Wörter gar nicht mehr erst finden, bleibt diese Reflektion aus und kommt dann höchstwahrscheinlich erst im Schulalltag in genau dem Zusammenhang zutage, den man vermeiden will.

      Außerdem habe ich eine 20-jährige Nichte deren Vater ein Schwarz-Afrikaner ist - und was die manchmal im Scherz raushaut in Sachen Hautfarbe und Herkunft über sich selber, müsste auch zensiert werden. ;)

      Vielleicht sollte man mal wirklich diejenigen fragen, die von alldem betroffen wären. Die, über die wir uns "den Kopf zerbrechen". Wie sehen sie denn wirklich "unsere" Klassiker an? Sehen sie diese Bücher genauso "eng" wie wir? Oder sehen sie es vielleicht doch eher nach dem Motto: "Ja, früher war es so, zum Glück hat sich aber schon viel geändert und es wird weiter dran gearbeitet"

      Manchmal denke ich, das der Deutsche immer wissen will wie eine Minderheit oder Völkerschicht sich fühlt, ohne diese überhaupt erst mal selber zum Thema zu fragen.

      Wie gesagt NUR auf Sicht zum Thema der Klassiker, nicht aus der heutigen Zeit!

      Es ist und bleibt wohl ein Thema, an dem sich die Geister scheiden.
      Aber mir ist dennoch klar, das man gerade heute im Hier und Jetzt so was nicht mehr schreiben darf und Rassismus in der heutigen Zeit nicht ignoriert werden kann.

      In diesem Sinne, haltet weiter die Augen und Ohren offen und handelt – aber lasst Klassiker klassisch bleiben. ;)


      Wünsche ein schönes Wochenende!







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    3. Hallo,

      ich sehe das ganz genauso wie du, dass nicht die Nicht-Betroffenen darüber bestimmen sollten (wobei als kleine Anmerkung, ich bin keine "Bio-Deutsche", habe türkische Wurzeln und rede nicht nur über den Rassismus, den andere erfahren), allerdings stütze ich mich bei solchen Aussagen auch auf Schwarze Aktivist*innen, die selbst mitteilen, wie schädigend das ist, solche Sachen zu reproduzieren. Kann dir "Deutschland Schwarz-Weiß" von Noah Sow empfehlen. Es ist ja auch eine andere Sache, ob ich als Deutsch-Türkin über Türk*innen witzle oder es jemand tut, der nicht die Herkunft hat. Deshalb zählt das für mich als Argument nicht wirklich, Begriffe stehen zu lassen, nur, weil Schwarze Menschen sie selbst benutzen. Übrigens habe ich eine betroffene Person gefunden, die einen eigenen Beitrag dazu schreiben wird, den ich hier als Gastbeitrag veröffentliche. Das dauert noch ein paar Wochen, weil sie viel zu tun hat, aber vielleicht hast du ja Lust, dir den nochmal durchzulesen. :)
      Liebe Grüße!

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  11. Ich finde moderne Ausgaben von Klassikern sind kein großes Problem. Die Texte älterer Werke wurden immer wieder angepasst. Und vor allem, die alten Ausgaben verschwinden dadurch ja nicht. Sie liegen weiterhin in privaten Sammlungen und Büchereien. Es wäre bestimmt auch kein Problem mehrere Ausgaben parallel auf dem Markt zu haben.

    Wobei ich mich schon lange frage, kann man ein Text der Rassismus thematisiert erschaffen ohne Rassismus zu reproduzieren?

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    1. Ja, zumal jede Übersetzung, ob gewollt oder ungewollt, Änderungen vornimmt. Ich glaube nicht, dass jeder Klassiker möglichst originalgetreu übersetzt ist, Anpassungen gibt es immer.

      Ich glaube, ein Stück weit reproduzieren wir Rassismus immer, wenn wir darüber reden oder schreiben. Aber es wäre auch falsch, auf Thematisierung zu verzichten, einfach, weil Rassismus noch sehr präsent ist und sonst die Lebenswelt vieler Menschen ignoriert werden würde.

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  12. Erst einmal: Sehr spannender Text!

    "Eigentlich hätte man auch zu der Zeit als belesene Frau zwei und zwei zusammenzählen können" - Das weiß ich ehrlich gesagt gar nicht so sehr bzw. habe ich an sowas mehr und mehr Zweifel seit ich mich mal mit der bzw. viel mehr den Frauenbewegungen in der Weimarer Republik und ihren Vorläufern seit der Mitte des 19. Jh. (im deutschen Raum) beschäftigt habe und dafür verschiedene Texte von Feministinnen der Zeit gelesen habe, die (gerade bei bürgerlichen oder konservativen Autorinnen und Bewegungen) mit modernem Blick sehr sexistisch wären. Und da geht es um Themen wie das Wahlrecht, die diese Frauen direkt betroffen haben. Ich bin mir nicht sicher, wie "einfach" es in so einer Zeit war, dieses Reflexionslevel zu erreichen und anderen Stimmen zu zu hören, bzw. bin ich mir nicht sicher, ob diese Perspektiven damals nicht einfach so sehr übergangen wurden, dass es eben nicht nur eins und eins zusammenzählen war. Allerdings bin ich da wie gesagt selbst unschlüssig und am Grübeln, deshalb fand ich es interessant, dass du das erwähnst.

    Ich bin bei dem Thema mit den problematischen Klassikern insgesamt immer hin und her gerissen: Gerade Übersetzungen gehören da eindeutig aktualisiert. Nicht weil es eine "Zensur" bräuchte, sondern weil eine Übersetzung immer eine Interpretation eines Textes ist und diese Art der Interpretation sollte sich kein moderner Verlag ernsthaft auf die Fahnen schreiben wollen. Bei Originalen bin ich zwiegespalten: Auf der einen Seite sollte der Originaltext heilig sein, auch weil das sonst natürlich irgendwann auch eine Steilvorlage für Zensur schaffen könnte, andererseits werden so z.B. in Schulen diese Dinge auch reproduziert, weil wir insgesamt gesellschaftlich viel zu wenig darüber reden. Da wäre es eben wichtig, dass solche Klassiker direkt in kommentierten Ausgaben erscheinen und so z.B. direkt in der Schule über Rassismus in diesen Büchern geredet wird. Der Sozialkundeunterricht ist (bzw. war es an meiner Schule und mein Abi in Bayern ist gerade mal 3 Jahre her) sowieso eine Katastrophe, dabei wäre es wichtig mit gesellschaftspolitischen Themen genau da einzuhaken und auch über Dinge wie Sexismus und Rassismus zu sprechen. (Und so viel mehr. Bei den Storys über Diskussionen im Sozialkundeunterricht an meiner alten Schule wird mir schlecht.) Wäre auch was für den Geschichtsunterricht, schließlich sind das alles Beispiele dafür, dass man in anderen Zeiten anders gedacht hat (nicht nur in der Nazi-Zeit) und das durchaus für unsere Gegenwart kritisch zu hinterfragen ist. Und wieder: Da haben wir einfach ein fettes Problem, dass Geschichte in der Schule so runtergekürzt ist, Sozialkunde keinen Raum für Diskussionen und damit Konfrontation mit anderen politischen Positionen außerhalb des eigenen Elternhauses bietet (bzw. das davon abhängt, ob die Lehrkraft das einfach macht, weil sie das für wichtig hält) und allgemein die theoretischen Ansätze für diese Debatten oft die Universitäten nicht verlassen. (Aka bei uns bekommen die Leute im 1. Semester Geschichte erstmal erklärt, dass es einen Unterschied zwischen sex und gender als Kategorien unabhängig jeder Politik gibt.) Klassiker sind da ein Beispiel von vielen, über das wir reden sollten und bei denen es auch wichtig ist, dass andere Perspektiven (wie z.B. deine Kritik an TKAM) sichtbar gemacht werden.

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    1. Vielen lieben Dank! :)

      Bei dem Reflexionslevel bin ich einerseits bei dir, andererseits habe ich das in diesem Fall wirklich nur auf Christie münzen wollen, die ja seehr viel rumgekommen und gereist ist. Es ist etwas anderes, sich den Themen nur "von zu Hause aus" zu widmen, aber sie müsste die Menschen und Orte ja eigentlich gesehen haben.
      Zumal Persönlichkeiten wie Olympe de Gouges schon früh bewiesen haben, dass ein anderes Denken doch möglich ist, wenn auch nicht üblich. Ich weiß allerdings gut, was du meinst, und möchte mich da auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen und verurteilen.

      Bei allem anderen pflichte ich dir zu 100% bei! Danke für deine Gedanken. :)

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  13. Ich bin, ehrlich gesagt, immer ein bisschen verwundert, wenn sich Menschen gegen aktualisierte Ausgaben von Klassikern "wehren". An sich ist das auch eine vollkommen gängige Praxis, in mehrerer Hinsicht? Für die längste Zeit gab es ja z.B. auch keine einheitliche Rechtschreibung in deutschen Staaten, und trotzdem gibt es diese Werke heutzutage auch in vereinheitlichter Rechtschreibung.

    Auch komplette Neuschreibungen von Klassikern durch heutige Autor*innen sind ja ein kompletter Trend. Die Zombie-Version von "Stolz und Vorurteil", die Neuinterpretationen einiger Shakespeare-Titel, ich glaube, zuletzt hatte ich auch andere Austen-Titel gesehen, an denen sich neue Autor*innen versucht haben.

    Für all das gibt es ganz unterschiedliche Beweggründe, aber wenn die Lesbarkeit wichtig genug oder der reine Spaß Grund genug sind? Dann sollte es auch wichtig genug sein, dass Kinder keine rassistischen Slurs vor die Nase gesetzt kriegen. Bzw. passiert es im Alltag vermutlich sowieso, da sollten Bücher, die sich nicht explizit mit Rassismen auseinandersetzen, dazu beitragen.

    Konnotierte Ausgaben sind, denke ich, auch keine schlechte Idee. Aber wer jetzt eine Gute-Nacht-Geschichte für's Kind möchte und eben auch Klassiker, will vielleicht nicht jedes Mal ellenlange Erklärungen anfangen, warum solche Begriffe verwendet wurden und werden.

    Was "erwachsene" Klassiker angeht ... einerseits ja, zum Teil ist es sicherlich auch ein Produkt der Zeit, aber auch damals gab es Leute, die es als falsch erkannt haben, die im Kleinen dagegen gearbeitet haben oder sogar Aktivist*innen waren - die Autor*innen dagegen nicht. Deswegen sollten die Rassismen (und anderes) nie ignoriert oder entschuldigt werden. Gerade heute nicht mehr.

    (Es nicht zu ignorieren, kann auch sehr hilfreich sein, denke ich. Gerade im Kontext einer Analyse: Wie handeln die Charaktere, was war typisch für diese Zeit? Was lebt sogar bis heute weiter und warum? Was kann daran geändert werden? Solche Fragen.)

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    1. Kurz: JA!

      "Dann sollte es auch wichtig genug sein, dass Kinder keine rassistischen Slurs vor die Nase gesetzt kriegen. Bzw. passiert es im Alltag vermutlich sowieso, da sollten Bücher, die sich nicht explizit mit Rassismen auseinandersetzen, dazu beitragen." - Genau das!

      Und eben, es gab auch einige Aktivist*innen schon zu der Zeit. Es wäre ja auch interessant, sich Gedanken zu machen, warum diese Autor*innen sich durchgesetzt haben und nicht andere.

      In jedem Fall stimme ich dir vollkommen zu, danke für deinen Beitrag. :)

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  14. Ich hatte mit der Debatte, um ehrlich zu sein, schon immer ein Problem.

    Mich persönlich stören rassistische, antisemitische und sexistische Kommentare in Klassikern eher weniger, weil ich weiß, dass der Zeitgeist damals ein anderer war. Ein Buch entsteht nicht losgelöst vom zeitlichen Kontext, es ist immer in einen größeren eingebunden. Durch mein Studium und mein persönliches Umfeld bin ich durchaus dazu befähigt, mich kritisch damit auseinanderzusetzen und ein Werk mit gewissen Aussagen eben auch vor diesem Hintergrund zu rezipieren und zu hinterfragen.

    Ich verstehe jedoch vollkommen die Forderung, Klassiker von Sexismus, Rassismus etc. zu säubern, weil eben nicht jeder Mensch beim Lesen durch seine Lehrer, Professoren, Eltern etc. "an die Hand genommen wird", so wie ich es wurde. Gewisse Bücher gerade in jungen Jahren unreflektiert zu lesen, halte ich für sehr problematisch. Ist das angeleitete und kritische Lesen durch Erwachsene aber gegeben, finde ich es persönlich wieder vollkommen okay. Eine für mich persönlich gute Lösung, wäre die vorgegebene kritische Auseinandersetzung durch ein Vorwort, in dem darauf hingewiesen wird, dass das Buch in einem gewissen Kontext entstanden ist, und einige Passagen kritisch hinterfragt werden sollten. Das Herausstreichen und Umbenennen sehe ich persönlich wiederum kritisch, weil sich dadurch der Schritt zur Zensur verkleinert.

    Jetzt aber der Punkt, warum ich die ganze Diskussion kritisch sehe: Ich persönlich bin, auch wenn ich die Bücher kritisch rezipiere, (den Sexismus ausgenommen) nicht selbst von rassistischen, ableistischen oder antisemitischen Aussagen betroffen. Vielleicht irre ich mich ja, aber ich habe zumindest das Gefühl, dass die Diskussion über das Herausstreichen von solchen Aussagen aus Klassikern, eben nie von Menschen geführt wird, die davon betroffen sind. Und ist bspw. die Diskussion über das Herausstreichen von rassistischen Aussagen unter Weißen, ohne den Einbezug von bspw. Schwarzen, die davon betroffen sind - also eine Diskussion über deren Köpfe hinweg - nicht wieder eine gewisse Form von Rassismus. Auch wenn es durchaus gut gemeint ist? Verstehst du, was ich meine?

    Ich tue mich mit der Diskussion selbst schwer und könnte mich nie für eine genaue Position entscheiden.

    Liebe Grüße
    Cora

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    1. Liebe Cora,
      ich glaube, "säubern" ist auch ein bisschen extrem ausgedrückt. Ich wäre auf jeden Fall für kritische Ausgaben, die, selbst wenn Abänderungen getroffen werden, diese erklären und die Originalbegriffe aufführen. "Säubern" hat etwas von Verschleiern-Wollen, das ist auf gar keinen Fall das, was ich erzielen wollen würde.

      Dein letzter Punkt ist sehr, sehr wichtig, danke, dass du ihn aufbringst. Ich habe keinen Überblick über den generell Diskurs zu dieser Thematik, aber es ist ja oft so, dass über die Köpfe hinweg geredet wird. Ich kann in dem Fall nur für mich sprechen, aber ich bin relativ aktiv auf Twitter und folge dort Aktivist*innen, die zu diesen Themen schreiben. Mein wesentliches Wissen darüber kommt meist direkt von dort, sozusagen aus erster Hand. Dennoch gebe ich dir natürlich recht, dass es idealer wäre, wenn die Betroffenen selbst dazu schrieben und ich würde mich sehr freuen, wenn das geschähe. Bei der N-Wort-Thematik bin ich mir allerdings relativ sicher, dass die meisten Schwarzen Aktivist*innen mir zustimmen würden, dass diese Wörter nicht vorkommen sollten.
      Liebe Grüße zurück. :)

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  15. Hallo Elif,

    ich bin gerade über Michas Post hier gelandet und gleich mal bei dieser interessanten und definitiv nachdenklich stimmenden Thematik hängen geblieben.

    Aus ähnlichen Gründen wie du habe ich letztens eine Liste mit Klassikern aufgestellt, die ich gerne lesen möchte.
    Allerdings glaube ich, dass Klassiker immer auch aus ihrer Zeit heraus betrachtet werden. Ansonsten sorgen die damaligen Wertevorstellungen, mit denen die Autoren erzogen wurden, bei uns automatisch für Befremden, was vielleicht auch teilweise die Abneigung vieler gegen Klassiker erklärt. Dazu braucht man gar nicht hin zum Rassismus gehen, das geht schließlich schon mit dem Sexismus los ("und das Gemüt der Frau ertrug die Situation nicht" - als emanzipierte Frau aus dem 21. Jahrhundert kann man da nur mit den Augen rollen). Ich denke, das sollte einem ständig klar sein: Dass das Buch die Wertevorstellungen seiner Zeit reflektiert. Und damit auch so ein bisschen für uns ein Zeugnis dieser und ihres Wandels ist.
    Von daher würde ich das vielleicht thematisieren, aber nicht direkt kritisieren, denn letztendlich sind die Autoren dazu erzogen worden. Als Beispiel dazu fällt mir ein, dass eine der ersten Frauenrechtlerinnen Deutschlands, Louise Otto-Peters, selbst ein aus heutiger Sicht sexistisches Frauenbild hatte. Natürlich waren die damaligen Autoren theoretisch in der Lage, die Probleme zu erkennen, aber immer noch geprägt von anerzogenen, als selbstverständlich betrachteten Idealen.
    Und dass es uns heute auffällt und sogar stört, zeigt doch, dass sich viel verändert hat, kann aber in meinen Augen nur bedingt den damaligen Autoren vorgeworfen werden, die in einer anderen Gesellschaft lebten. Und wahrscheinlich wird es Dinge in unserer zeitgenössischen Literatur geben, Wertevorstellungen vor allem, die die Leser der Zukunft als problematisch sehen.

    Ähnlich wie die anderen Kommentato(inn)en hier denke ich, im Umgang mit politisch unkorrekten Wörtern, dass Fußnoten, die die Problematik darstellen, die beste Lösung wären. Irgendwie ist Literatur dann auch eine historische Quelle, zumal manche Wörter auch erst im Verlauf der Zeit problematisch wurden. Sie repräsentieren die damaligen Ansichten und die beschönigen zu wollen bringt niemandem etwas.
    Dass das aber gerade bei Kinderbüchern schwieriger ist, sehe ich auch, schließlich will man beim Vorlesen seinem Kind nicht erst mal erklären, warum das Wort rassistisch ist - da liegt eine Änderung letztendlich nahe.

    Liebe Grüße
    Dana

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  16. Huhu!

    Ein sehr interessanter Beitrag, toll geschrieben!

    Über das Thema habe ich auch schon ein paar Mal nachgedacht, besonders, nachdem ich vor ein paar Jahren noch einmal "Vom Winde verweht" gelesen habe.

    So mit 13 oder 14 hatte ich es schon mal gelesen, und damals ist mir der Rassismus nicht halb so drastisch und verstörend aufgefallen wie jetzt, als Erwachsene mittleren Alters, die sich ausgiebig mit Rassismus und Vorurteilen beschäftigt hat.

    Besonders unerträglich fand ich, wie die Männer, die dem KKK beitreten, als Helden dargestellt werden, die mutig ihre hilflosen Frauen vor den primitiven Schwarzen beschützen...

    Für mich ist es eine Gratwanderung. "Vom Winde verweht" kann ich für mich auch nicht damit entschuldigen, dass die Leute damals halt so gedacht haben, während ich "And then there were none" schon viel eher so betrachten könnte – sofern in der Geschichte ansonsten Rassismus nicht als gesellschaftlich akzeptabel oder sogar erstrebenswert dargestellt wird.

    Ich finde es vollkommen legitim, auch einen Klassiker kritisch zu betrachten und zu sagen: Diese Weltanschauung / dieses Verhalten der Charaktere ist nicht akzeptabel.

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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    1. Liebe Mikka,
      danke für deine Gedanken! Ich hab ja nur den Film gesehen und fand den schon so problematisch. Was du vom Buch erzählst, untermauert meine Ansicht nur..
      Vielen Dank auch für die Verlinkung. <3
      Elif

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    2. Huhu nochmal,

      ich habe mal ein Video einer farbigen Booktuberin gesehen, die über das Buch sprach, und für sie war die allerschlimmste Szene im Buch, dass Scarlett sich in einer Szene übergeben muss, weil die farbigen Sklaven angeblich so widerlich stinken... Das ist auch einfach menschenverachtend!

      LG,
      Mikka

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    3. Ach du Scheiße. Da wird MIR regelrecht übel, wenn ich daran denke, wie weit verbreitet und beliebt das Buch heute noch ist. Unfassbar.

      (Übrigens, kleine Anmerkung: "farbige" wird von Schwarzen eher abgelehnt, siehe dazu u.a. http://www.noahsow.de/blog/probleme-mit-farbigen/)

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    4. Oh, ja, du hast natürlich recht... Ich glaube, da hatte ich mal wieder den englischen Begriff "people of color" im Hinterkopf, so bezeichnen sich schwarze Freunde bzw. Freunde mit gemischtem ethnischen Hintergrund von mir, die in Amerika leben!

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  17. Huhu Elif,
    ein sehr interessanter und meiner Meinung nach auch ein wichtiger Beitrag.

    In manchen Dingen frage ich mich aber: Warum ist es immer die Aufgabe des Autors/ des Verlags/ etc. die Bücher zu überarbeiten und in den heute gängigen Kontext zu versetzen?
    Viel wichtiger und vor allem viel effektiver ist doch, was die Eltern den Kindern mitgeben - erziehe ich mein Kind als Rechtspopulist oder ähnliches, dann bringt das Austauschen von N*könig auch nichts. Natürlich meine ich auch, dass es gegenüber dunkelhäutigen Menschen nur fair ist, das zu tun - ich meine nur, dass es im Denken des Menschen nichts und nur wenig verändert.

    Aber hier bin ich auch am nächsten Punkt: Warum fragt man nicht einfach mal die Betroffenen selber? Ich glaube, dass sich dann manches viel leichter aufklärt.

    Liebe Grüße,
    Linda

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    1. Liebe Linda,

      danke erstmal! :)

      Natürlich macht ein Begriff in einem Buch keinen Menschen zum Rechtspopulisten. Aber die Normalisierung solcher Begriffe fügen sich in die ohnehin schon rassistische Gesellschaft ein und schaffen ein Umfeld für Menschen of Colour, das ihnen vermittelt, ihre Emotionen seien irrelevant. Als PoC bist du ohnehin schon überall mit Rassismen konfrontiert und Tropfen für Tropfen häuft sich das. Deshalb spreche ich mich dafür aus, Diskriminierung zu minimieren, wo es nur geht. An dieser Stelle auch nochmal der Buchtipp "Deutschland Schwarz-Weiß" von Noah Sow, falls du das noch nicht kennst. :)

      Mit den Betroffenen hast du natürlich recht (allerdings: ich bin selbst keine -
      gesellschaftlich gesehen - weiße Person, auch wenn ich helle Haut haben mag. Meine Herkunft ist türkisch) und demnächst wird auch ein zweiter Beitrag von einer Betroffenen hier erscheinen. :)

      Liebe Grüße!

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    2. Liebe Elif,
      da hast du wohl Recht - so hab ich das nicht wahrgenommen. Ich bin da wohl auch schon abgestumpft (leider!), auch wenn ich das gewiss nicht böse meine.
      Den Tipp werd ich mir definitiv näher anschauen - ich bin aufgeschlossen für Neues.

      Den Beitrag hab ich gelesen (vielen Dank dafür!) und er hat mir noch weiter die Augen geöffnet.

      Liebe Grüße,
      Linda

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    3. Liebe Linda,
      das freut mich unheimlich! Auch Sinead hat sich sehr gefreut.
      Liebe Grüße!

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  18. Hallo Elif,
    danke, dass du dir über dieses schwierige Thema Gedanken gemacht hast! Ich selbst habe vor Jahren einmal in einer Ausgabe von "Und dann gab's keine mehr" vorne einen Hinweis gedruckt gesehen, dass der Abzählreim so belassen wurde und dass man sich bei den Lesern entschuldigt, die sich beleidigt fühlen. Das finde ich gut, ist aber noch viel zu wenig. Das muss auf derselben Seite stehen wie die betreffenden Textstellen, finde ich. Ich finde daher nicht, dass man Klassikern Immunität gewähren sollte.
    "Vom Winde verweht" habe ich mit 12 Jahren zum ersten Mal gelesen und seither immer wieder. Das Problem dabei ist, dass die schwarzen Sklaven entweder als treu-dumm, wie unmündige Kinder, oder bösartig dargestellt werden. DAfür gibt's keine Entschuldigung. Ich mag das Buch (aus anderen Gründen natürlich!)sehr, ich würde aber jedem, dem ich das Buch empfehle, auch darüber vorwarnen. Und ich würde mit einem 12-jährigen Kind nach der Lektüre darüber reden. Das haben meine Eltern, ehrlich gesagt, versäumt, und ich fand erstmal nichts Besonderes an dem Rassismus. Später ging mir natürlich ein Licht auf!
    Ansonsten kann ich Gone with the Wind sehr empfehlen, das Buch ist ein tolles Gesellschaftsporträt. Im Film müssen dann doch viele Sachen gekürzt werden.
    Dann wollte ich dir noch ein Kompliment für deinen Blog aussprechen! Es braucht viel mehr Leute, die so reflektiert denken wie du. Und ich persönlich finde, es macht gerade Spaß, Kunst/Unterhaltung im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Themen zu diskutieren :-)
    LG, Sabine

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    1. Liebe Sabine,
      herzlichen Dank für die Blumen <3 und deinen Kommentar! Genau das war auch der Kommentar in meiner Ausgabe von "Und dann gab's keines mehr" und ich fand es ganz arg misslungen, wegen der Formulierung. Das nur bei jenen zu tun, die sich beleidigt "fühlen" - als sei das Gefühl nicht berechtigt - spricht der Beleidigung als historische, marginalisierende Formulierung ihren Kontext und ihre Bedeutung ab. Nur wer sich beleidigt fühlt, ist gemeint. Dass das allgemein eine Beleidigung ist, davon verliert das Vorwort kein Wort.

      Ich kenne das selbst sehr gut, wie das ist, wenn man in Büchern, die man schon oft und sehr gerne gelesen hat, bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Darüber wollte ich die Tage auch nochmal schreiben, es beschäftigt mich grad (auch abseits von Klassikern) ziemlich. Allerdings muss ich zugeben, dass ich so keinerlei Interesse daran habe, mich dem Buch Gone With the Wind zu widmen - einerseits aufgrund der Thematik, auch wenn ich dir gerne glaube, dass es als historische Quelle / Spiegel der Zeit lohnenswert ist, aber im Moment reizt mich daran einfach so gar nichts. Vielleicht irgendwann.
      Nochmal vielen Dank für den Kommentar. :)

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  19. Hallo Elif,

    ich finde deinen Beitrag total interessant und ich finde es wichtig, dass man sich als weiß* gesehen und gelesener Mensch wie ich auch mit diesen Themen auseinandersetzt, deswegen vielen Dank für deine Anregungen. Ich bin bei diesem Thema etwas zwiegespalten. Einerseits gibt es für mich Autoren, die das Thema Sklaverei am Rande behandeln (Mark Twain z.B. in Huckleberry Finn) und da finde ich sollten rassistische Begriffe aus der Zeit auf jeden Fall kontextualisiert werden, z.B. in Fußnoten.

    Andererseits gibt es diese eher "zeitlosen" Geschichten wie Pippi Langstrumpf, ein Klassiker, irgendwo. Auch ich habe die Geschichte als Kind geliebt. Die Frage ist hier, ist es damit getan, den rassistischen Begriff zu streichen? Reicht ein "Südseekönig" oder vergleichbares aus? Ich finde nicht. Denn die Idee bleibt ja kolonialistisch motiviert: da kommt ein weißer* Kapitän und die "Eingeborenen" (ich verwende jetzt auch diesen problematischen Begriff) ernennen ihn sofort zum König. Impliziert wird hier ja auch nur, dass der weiße* Mann alles auf der Insel richten muss, weil die Menschen dort das nicht hinbekommen. Das ist problematisch. Ich könnte mir vorstellen, dass ich diese Passagen beim Vorlesen weglassen würde.

    Ein anderer Weg wäre, einfach Pippi Langstrumpf als Relikt aus der eigenen Kindheit zu betrachten und den eigenen Kindern moderne Autor*innen vorzulesen. Eine ähnliche Erfahrung hat eine Freundin gemacht, die ihrem Kind immer Bobo Siebenschläfer vorgelesen hat (auch ein Relikt aus der eigenen Kindheit). Im Text geht es oft darum, dass Papa arbeiten geht und Mama den Haushalt macht. Das ist da der Status Quo. Sie hat die Passagen immer übersprungen.

    Ich erinnere mich, dass ich den Siebenschläfer auch mochte und ich kann jetzt nicht sagen, dass aus mir ein sexistischer Mensch geworden ist ;) Andererseits würde ich meinem Kind diese Bücher heute auch einfach nicht mehr vorlesen. Es gibt doch genug andere Bücher auf der Welt.

    Liebe Grüße,
    Eva

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    1. Liebe Eva,

      vielen Dank erstmal! Und auch danke für deine Gedanken zu Pippi - du hast völlig recht, die Grundidee selbst ist schon eine kolonialistische. Ich habe mir da noch nicht viele Gedanken gemacht, aber ich kann mir auch vorstellen, die Passagen einfach wegzulassen. Natürlich kann man mit einem Kind auch darüber reden, was daran nicht gut ist - aber es fehlt einfach noch das nötige Geschichtsbewusstsein, um die Tragweite zu verstehen, glaube ich. Dementsprechend kann ich das sehr gut nachvollziehen, auch, dass deine Freundin das beim Lesen weglässt.

      Wir haben glaube ich alle als Kinder Geschichten kennengelernt, die einfach nicht mehr ideal sind. Ich denke da nur an all die Disney Prinzessinnen-Filme. Da ist mir ein Frozen von der Message her sympatischer (auch wenn das ganze Merchandising einem irgendwann zum Hals raushängt :D).

      Danke nochmal für deine Gedanken!

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