[Rezension] "Mansfield Park" - Jane Austen


Mansfield Park - Jane Austen - Reclam - 579 S. - 978-3-15-010957-1 - zum Hörbuch

In Mansfield Park, dem Herrenhaus des reichen Sir Thomas Bertram, leben nicht weniger als drei junge Ehekandidatinnen. Julia und Maria sind die beiden Töchter des Hauses und gefährden durch Arroganz und Eitelkeit ihr zukünftiges Glück. Zugleich machen sie ihrer verarmten Verwandten Fanny Price, die bei den Bertrams aufwächst, das Leben schwer. Fannys einziger Verbündeter ist ihr Cousin Edmund. Bis das reiche und schöne Geschwisterpaar Crawford auftaucht und allen Anwesenden den Kopf verdreht... via 

Manche Bücher muss man nach Beenden erstmal sackenlassen und bei manches möchte man direkt die Gedanken loswerden, die im Kopf herumschwirren. Letzteres ist bei mir gerade der Fall; ich habe Mansfield Park soeben beendet und bin - so viel vorweg - ganz begeistert von der Lektüre.  
Anfang des Jahres habe ich bereits Emma als Hörbuch gehört. Nachdem ich den Jane Austen-Schuber geschenkt bekommen hab, war als nächstes Mansfield Park dran. Lesend brauche ich einfach viel länger und da ich die von Eva Mattes gelesenen Austens so unglaublich gelungen finde, habe ich mich auch diesmal wieder dazu entschieden, das Hörbuch zu hören und parallel im Buch zu lesen. Übrigens, wer das Buch noch nicht kennt und komplett unvoreingenommen lesen möchte, sollte jetzt wegsehen. Ganz ohne Spoiler kann ich meine Gedanken nicht loswerden.

Anfangs wusste ich nicht so recht, was ich von der Geschichte und vor allem von Fanny halten sollte. Sie ist zu Beginn des Buches so schwächlich und hilfebedürftig. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich gerade das gut finde - die Protagonistinnen, die ich von Austen sonst so kenne, sind selbstbewusst, gewitzt, stark, provokativ. Und dann ist da Fanny. Die zeigt, dass es okay ist, körperliche Schwächen zu haben und auch mal Hilfe zu brauchen. Und die im Laufe des Buches durch eine ganz eigene, einzigartige Stärke glänzt. 

Fanny ist ja die kleinbürgerliche Nichte des reichen Sir Thomas. Ihre Familie hat viele Kinder, wenig Mittel und ist auch sonst kein sehr guter Umgang. Sir Thomas holt sie in jungen Jahren zu sich - so wächst Fanny inmitten ihrer reichen Verwandtschaft auf, wird aber immer wieder auf ihre niedrigere Stellung in der Gesellschaft hingewiesen. Sie ist von Natur aus schüchtern; allerdings würde es ihr ihre Stellung auch gar nicht erlauben, selbstbewusst und provokativ aufzutreten. Fanny ist allerdings ein so herzensguter und liebevoller Charakter, dass sie gut damit auskommt. Durch ihre gemeine Tante und ihre egoistischen, gehässigen Cousinen könnte es eine klassische Cinderella-Story sein. Und als Mansfield Park von einem jungen Geschwisterpaar, den Crawfords, durcheinandergebracht wird, scheint die Cinderella-Story perfekt - der Bad Boy, der Beau, Henry Crawford, der zuvor ihren beiden Cousinen zum Spaß den Kopf verdreht hat, verliebt sich in Fanny. Er ist vermögend und hält um ihre Hand an, scheint geläutert, zahm. Das könnte Fannys Partie sein. Ihre Chance auf ein reiches Leben, eine höhere Stellung und Ansehen. Aber sie weist ihn ab. Mehrmals. Immer wieder. Sie hat gesehen, wie verdorben sein Charakter ist - und ist ganz nebenbei noch in ihren Cousin Edmund verliebt (der nichts davon weiß, sie macht sich schließlich keine Hoffnungen). So spielt Jane Austen nicht nur mit dem Cinderella-, sondern auch mit dem Bad Boy-Klischee, aus heutiger Sicht ein Geniestreich. Das mit Edmund darf man übrigens nicht so eng sehen, Ehen zwischen Cousinen und Cousins waren zu der Zeit kein Tabu. 

Während also die Welt um Fanny in die Brüche geht, behält sie ihre Charakterstärke bei, gibt nicht nach und hält an ihrer Moral fest. Das Unmoralische kommt in dem Fall übrigens aus der Stadt und aus zerrütteten Familienverhältnissen. Es wird stark deutlich, dass Austen die Ansicht vertritt, dass das oberflächliche, städtische Leben Menschen unwiederbringlich verdirbt. Dem entgegengesetzt ist das naturbezogene, familiäre Leben, das die Reinheit der Menschen beibehält. 
Durch Fannys Rolle betreibt Austen außerdem eine Art Klassismus- bzw. Gesellschaftskritik. Sie hat keine hohe gesellschaftliche Stellung - und verschmäht eine Chance -, aber sie ist dennoch der unschuldigste Charakter im gesamten Roman. Gleichzeitig problematisiert sie soziale Milieus - ihre eigentliche Familie, die sie im Laufe des Buches besucht, ist laut, chaotisch, ungebildet und ungehobelt. Durch ihre Schwester erkennt Fanny allerdings, dass die Gründe dafür in mangelnden Chancen und Zugängen liegen. 

Eine Sache, die mir aus heutiger Sicht aufgestoßen ist, ist die Tatsache, dass Fannys Onkel Plantagen auf Antigua besitzt, die er aufgrund von dortigen Problemen auch für lange Zeit besucht. Kolonialismus und Sklaverei lassen grüßen. An einer Stelle wird letzteres auch explizit erwähnt - Fanny fragt ihren Onkel, wie es mit der Sklaverei laufe, woraufhin tödliches Schweigen herrscht. Darin mag man eine versteckte Kritik sehen. Natürlich würden mir das Buch und Sir Thomas' Charakter noch besser gefallen, gäbe es diesen Aspekt nicht. Als Produkt seiner Zeit kann ich es dennoch hinnehmen, hätte mir allerdings gewünscht, dass in dem äußerst gelungenen Nachwort in der Reclam-Ausgabe noch ein paar Worte dazu gefallen wären. 

Um zum Schluss noch einmal auf etwas Postives zu sprechen zu kommen - ich bin wirklich sehr angetan von Jane Austens Schreibstil und der Übersetzung von Ursula und Christian Grawe. Die Autorin schreibt so gewitzt und humorvoll, stichelt hier und da und verliert nie ihren ironischen Unterton, den ich meine herauszuhören (und den Eva Mattes ebenso gut transportiert), dass ich beim Hören durchgängig begeistert bin. 


Mansfield Park wird als Austens kontroversester und satirischster Roman bezeichnet und ich denke, dass ich verstehe, warum. Mir haben der Roman und das Hörbuch große Freude bereitet. Ich bin jetzt schon wehmütig, mich von den Charakteren vorerst verabschieden zu müssen - und das ist ja eigentlich immer ein gutes Zeichen. 
Man muss ein bisschen was für die Zeit übrig haben, eine Zeit, in der Ränge noch eine größere Rolle spielen, in der die Heirat das Lebensziel für eine junge Frau ist und in der Emanzipation noch anders geäußert wurde. Sind diese Voraussetzungen gegeben, sind Jane Austens Romane allerdings ein Muss. Mansfield Park gefällt mir bislang am besten und verdient 4,5 von 5 Sternen

1 Kommentar

  1. Huhu!

    Ich habe vor, mich auch noch mal quer durch die Bücher von Jane Austen zu lesen. Von "Mansfield Park" und "Emma" habe ich wunderschöne Ausgaben im öffentlichen Bücherschrank gefunden, deswegen wären die wohl als erstes dran. :-)

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

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