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[Rezension] "Water & Air" - Laura Kneidl

Water & Air - Laura Kneidl - Carlsen - 476 S. - 12,99€ - ISBN: 978-3-551-31544-1
Seit dem Anstieg der Meeresspiegel leben die Menschen in Kuppeln unter Wasser oder in der Luft. Mit ihren achtzehn Jahren hat Kenzie noch nie die Sonne gesehen und ihr Leben in der Wasserkolonie unterliegt strengen Normen. Schließlich hält sie es nicht mehr aus und flieht in eine Luftkolonie, um dort einen Neuanfang zu wagen. Doch dann wird sie zur Hauptverdächtigen in einer mysteriösen Mordserie und nur Callum mit dem geheimnisvollen Lächeln hält zu ihr. Aber nicht nur den beiden droht Gefahr, auch das Schicksal der gesamten Kolonie steht auf dem Spiel. via

Manchmal führt der Weg zu einem Buch über die Autorin - so war es bei mir mit "Water & Air". Hätte ich die Autorin und ihre Vorstellung auf dem Bloggertreffen des Carlsen-Verlags nicht mitbekommen, hätte ich wohl nie zu ihrem Buch gegriffen. Nicht, weil es nicht gut klingt - mein Geschmack ist inzwischen nur einfach ein anderer. Vor einigen Jahren noch wäre das Buch perfekt für mich gewesen. Und weil die Autorin mir so sympathisch war, wollte ich mal wieder einen Ausflug in das Genre der Jugend-Dystopien unternehmen; sofern man "Water & Air" als solche einordnen kann. 

Die Prämisse hat mich sehr angesprochen. Der Klimawandel hat die Erdplatten, wie wir sie kennen, verschluckt. Menschen leben in Wasser- und Luftkolonien unter strengen Auflagen. Die Protagonistin Kenzie ist eine Wassergeborene und in einem System aufgewachsen, das an Kommunismus und Planwirtschaft erinnert. Aufgrund einer ausweglosen Situation verlässt Kenzie ihre Heimat und reist illegal in die Luftkolonie ein, in der sie sich mit Freiheit erträumt  - eine kapitalistische und auf Leistung und Bestand ausgerichtete Kolonie, die für Kenzie schöne, aber auch unschöne Überraschungen bereithält. 


Mir hat dieses Gedankenspiel unglaublich gut gefallen. Die unterschiedlichen Systeme und Wege, mit denen die Menschen sich ihr Überleben sichern, fand ich mehr als spannend. Ich hätte zu gerne mehr darüber erfahren. Zum Beispiel, wie damals entschieden wurde, wer von den Menschen auf der Erde in die Kolonien darf und wer nicht? Manche Fragen blieben allerdings unbeantwortet. Dennoch war es anregend, darüber nachzudenken, denn so abwegig scheint das alles in Anbetracht der steigenden Meeresspiegel gar nicht. 

Ein weiterer Bezug zur heutigen Zeit war für mich die Tatsache, dass Kenzie für die Luftgeborenen eine Geflüchtete ist - und dass nicht alle begeistert davon sind, dass sie da ist. Die Thematik der Flucht, des Fremdseins und -machens und der "besorgte Bürger" (S. 341) spielen nicht nur an einer Stelle eine Rolle; ein Zufall scheint unwahrscheinlich. Immer wieder werden Gedanken angestoßen, die nicht nur in den Luft- und Wasserkolonien relevant sind: Was ist mit Menschen, die ihren Beitrag zur Gesellschaft nicht (mehr) leisten können? Ist es ethisch zu rechtfertigen, an die Masse zu denken statt an einzelne Individuen? Sind Moral und Instinkt vereinbar? 

Ein weiterer großer Pluspunkt von "Water & Air" ist die Diversität der Charaktere. Nach der Postkarte, die es zum Buch dazu gab und den Beschreibungen im Buch selbst könnten sowohl Kenzie, als auch Callum People of Colour sein. Neben einem schwarzen Charakter gibt es außerdem auch homosexuelle Nebencharaktere. Das alles ist ganz unaufgeregt eingebunden, was das gesamte Buch nochmal aufwertet. Klasse! 



Was ich zu bemängeln habe, sind zum einen die Vorhersehbarkeit der Handlung und der zum Teil hölzerne Schreibstil. Ersteres kann ich gut verzeihen, ich habe mich dennoch sehr gut unterhalten gefühlt. Und letzteres ist etwas, das die Autorin im Laufe ihrer Schreibkarriere sicher ausbauen wird - das Potential ist vorhanden. Und letztendlich ist Stil ja auch immer Geschmackssache - ich hätte mir manchmal längere Sätze und nähere Ausführungen gewünscht, kann jedoch auch gut verstehen, dass der Stil so besser ins Genre passt. 


Ich glaube, noch vor 3-4 Jahren hätte ich "Water & Air" verschlungen und geliebt. Inzwischen, mit etwas anderen Interessen, kann ich mich zwar gut unterhalten fühlen, mich jedoch nicht so sehr in die Geschichte investieren, wie ich es gewollt hätte. Allerdings kann ich Kneidls Roman allen empfehlen, die sich in dem Genre zu Hause fühlen und die Lust auf eine Geschichte haben, die in einer gar nicht so unwahrscheinlichen Zukunft spielt und Freundschaft, Liebe, Krimi und Gesellschaftskritik vereint. 

★★★★☆

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