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[Rezension] "Ellbogen" - Fatma Aydemir

Ellbogen - Fatma Aydemir - Hanser* - 271 S. - 20,00€ - ISBN: 978-3-446-25441-1

 Content Notes: Suizidalität, Rassismus, häusliche Gewalt, sexuelle Nötigung, Tod, Polizeigewalt

Sie ist siebzehn. Sie ist in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. via

Inzwischen ist schon eine Weile vergangen, seit ich "Ellbogen" beendet habe und ich bin immer unschlüssiger, wie ich dazu stehe. Während des Lesens und kurz nach dem Beenden war ich sehr angetan. Vorhin habe ich allerdings gemerkt, dass das Buch bei mir keinen wirklichen, bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Und dass ich mich mit ein paar Aspekten schwertue. 

"Ellbogen" handelt von einer "Deutschtürkin", wie ich es auch bin. Hazal steht kurz vor der Volljährigkeit und ist, abgesehen von ihren Freundschaften, nicht sehr angetan von ihrem Leben. Das ist untertrieben, eigentlich hat sie sogar große Probleme. Mit 14 hat sie bereits zum ersten Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Zwar mit dem Wissen, dass sie nicht daran sterben würde; allerdings sagt es ja auch schon einiges über ihre Verfassung aus, dass sie nah dran war und es trotzdem riskierte, womöglich doch zu sterben. Ihre Familie besteht aus einer depressiven, unglücklichen Mutter, einem meist abwesenden und gewalttätigen Vater und einem Bruder, der dealt. Sie hat weder einen Abschluss, noch Perspektiven und wird kriminell. Ihre Familie versteift sich auf das, was sie so gelernt hat - Kinder sind den Eltern gegenüber immer respektvoll, Mädchen gehen spätabends nicht mehr aus und haben keine Beziehungen, usw. -, allerdings ist das weder einer großen Verbundenheit der Religion gegenüber geschuldet, noch etwas anderem. Die Familie ist ein Abbild eines sozial schwachen Milieus, inklusive Hazal. Nicht, dass das nicht dargestellt werden sollte, keinesfalls. Allerdings habe ich die Befürchtung, Menschen könnten das Buch lesen in dem Glauben, es würde ihnen "Deutschtürk*innen" näher erklären. Das ist nicht der Fall. Hazal und ihre Familie sind nicht repräsentativ und mit der Absicht sollte das Buch nicht gelesen werden. Natürlich spielt die interkulturelle Thematik eine Rolle. Die Ursachen der Probleme liegen jedoch eindeutig am Sozialen. Ohne eine intersektionale Betrachtung reproduziert die Geschichte im Grunde Klischees von kriminellen Ausländer*innen. 

Das ist ein Aspekt, der mir im Nachhinein etwas zu schaffen macht. Ein anderer ist, dass die Handlung mir zu unausgereift schien. Ich habe ganz viele, spannende Gedanken und Sätze markiert. Schreiben kann Fatma Aydemir. Der Handlungsverlauf hätte dennoch tiefer in die Materie gehen sollen. Es passieren ganz viele Dinge, die in wenigen Sätzen abgehandelt werden und das Ende kommt viel zu abrupt. Meistens sind mir Bücher eher zu lang, als zu kurz. "Ellbogen" hätte allerdings noch gut weitere 100 Seiten gebrauchen können. Andererseits hat die Knappheit und die wenige Tiefgründigkeit auch zu Hazal gepasst. Trotzdem hätte ich über einiges gerne mehr gelesen und erfahren. 

Viele der angeschnittenen Themen fand ich aber mehr als interessant. Mit einigen konnte ich mich auch selbst identifizieren. Dass die Eltern von Hazal zum Beispiel eine komplett andere Lebenswelt haben und sie vieles verheimlicht, damit sie die Dinge trotzdem tun kann. Dass die Türk*innen in der Türkei selbst auch Vorurteile gegenüber "Deutschtürk*innen" hegen. Dass Hazal sich nirgends wirklich angenommen und angekommen fühlt, fand ich ebenso spannend wie die Tatsache, dass sie kein fließendes Türkisch spricht - und trotzdem weder von den einen, noch von den anderen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert wird. 
"Was macht es für einen Unterschied, ob ich in der Türkei bin oder in Deutschland? Hier machen die denselben Scheiß noch viel brutaler mit den Kurden. Die haben hier gar nichts zu melden. Okay, in Deutschland herrscht kein Krieg, aber irgendwelche Asylantenheime werden ständig angezündet. Ist jetzt nicht so der Unterschied. Kein Schwanz interessiert sich für uns, sie sehen uns nur, wenn wir Scheiße bauen, dann sind sie plötzlich neugierig. Wenn wir einen Thorsten vor die U-Bahn schmeißen, wollen sie auf einmal wissen, wer wir sind." S. 249
Im Grunde hat Hazal einen tiefsitzenden Hass auf die Welt und ihre Ordnung, die sie davor hindert, mehr zu sein. Zum Beispiel Ärztin. Niemand traut ihr etwas zu, niemand nimmt sie wirklich ernst. Von den "Kartoffeln" wird sie gleich abgestempelt, wenn nicht gar rassistisch angegangen. Sie hat Wut im Bauch, Wut gegen die, die es im Leben leichter haben, weil sie einer anderen Zugehörigkeit entsprechend auf eine Welt gekommen sind, die ihnen zugeneigt ist und Leuten wie Hazal nicht.
"Weil solche Typen herumrennen und meinen, die Welt gehört ihnen. Weil die sich aufführen, wie sie wollen, weil die nie um irgendetwas kämpfen mussten. Und weil wir mit hängenden Schultern wie so Opfer herumlaufen, obwohl wir wahrscheinlich zehnmal mehr wissen über das Scheißleben als diese Kartoffeln. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, dürfen wir mal später bei denen putzen, in ihren dicken Häusern." S. 244
"Die Gesichter um uns herum, sie sind alle satt. Sie haben alle Ziele, die sie ansteuern, Türen, die sich für sie öffnen. Sie haben Dinge und Menschen, an denen sie sich festhalten können. Sie besitzen Kram, sie verreisen, sie schlafen in Doppelbetten mit ihren Liebhabern, die ihnen dann morgens Kaffee kochen, sie lesen nicht die Bild-Zeitung, sie kaufen nicht bei Primark, sie haben Ansprüche und Abschlüsse und Jobs und schwere hölzerne Pfeffermühlen. Ihre Haare sind glatt, ihre Hände weich, sie haben sich noch nie den Damenbart entfernt, sie feiern Weihnachten, und zwar nicht, weil sie die Geschenke mögen, sondern wegen den Kerzen und dem Geruch von Tannenbäumen." S. 115
Nein, "Ellbogen" ist kein Buch über Interkulturalität an sich. "Ellbogen" erzählt von den Ellbogen der Gesellschaft für sozial schwache und nicht-biodeutsche Menschen. Es erzählt von Wut, von Perspektivlosigkeit, von großen Fehlern und mangelndem Verständnis dafür. Vom Weglaufen, aber wovor? Und wohin? Einerseits werden dieserlei Fragen aufgegriffen und andererseist unbeantwortet gelassen. Das Buch beinhaltet ganz viel, worüber ich gerne mehr gelesen hätte. In Bezug auf die Handlung und die Informationen war es mir teilweise jedoch zu knapp erzählt. Außerdem hat es keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, obwohl so viele wichtige Gedanken angeschnitten werden und es das Buch für mich hätte werden können.

Fatma Aydemirs Debüt ist gelungen, quasi ein roher Diamant, der noch letzte Schliffe benötigt hätte. Auch so kann ich es empfehlen, jedoch nicht ausnahmslos - wer sich "Ellbogen" annimmt, sollte aufpassen, daraus keine Bestätigungen von Klischees herauszulesen. Das wäre nicht im Sinne des Buches, die Gefahr besteht jedoch trotzdem. 

Nichtsdestotrotz bewerte ich das Debüt mit 3,5 von 5 Sternen und bin gespannt auf weitere Veröffentlichungen der Autorin. 

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