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[Rezension] "Ein wenig Leben" - Hanya Yanagihara


Ein wenig Leben - A Little Life - Hanya Yanagihara - Hanser Literaturverlage* - 958 S. - 28,00€ - ISBN: 978-3-446-25471-8
Meine Rezension enthält keine direkten Spoiler. Allerdings verraten meine Content Notes schon Inhaltliches. Das finde ich wichtig, damit alle wissen, worauf sie sich mit diesem Buch einlassen und um mögliche Retraumatisierungen zu vermeiden. Wenn dich das stört, rate ich vom Lesen meiner Rezension ab. 

Content Notes: (Sexueller) Missbrauch, Pädophilie, Zwangsprostitution, Gewalt, SVV, Suizidalität, Ableism, Trauma, Tod

"Ein wenig Leben" handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. "Ein wenig Leben" ist ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch. via


Wie rezensiert man ein Buch wie „Ein wenig Leben“? Der Titel passt im Grunde wie die Faust aufs Auge; als Leser*in begleitet man die Charaktere über Jahrzehnte hinweg und lebt, liebt und leidet mit ihnen – das „Leiden“ sollte hier besonders hervorgehoben werden – auf eine Art und Weise, dass sie zu realen Menschen werden und nicht mehr wie Charaktere in einem fiktiven Buch erscheinen. Und wie soll man das Leben eines Menschen schon bewerten? Wer bin ich, dass ich mir das anmaßen könnte? Aber Jude, Willem, Malcolm und JB sind nicht real, also wage ich mich trotzdem an ein Urteil. 

„Ein wenig Leben“ war schon vor der deutschen Übersetzung gefühlt in aller Munde. Ich war Feuer und Flamme und habe mit Begeisterung (und Skrupel, ob der Seitenzahl) angefangen, es zu lesen. Das Buch gefiel mir von Anfang an und etwa ab Seite 100 konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen und habe es verschlungen. 

Es ist schwer, zusammenzufassen, worum es geht, weil so viele unterschiedliche Themen angeschnitten werden. Zum einen steht die Freundschaft der vier College-Freunde im Mittelpunkt. Die Jahre, in denen sie in Bruchbuden hausen und gerade sich gerade so Essen finanzieren können. Die Jahre, in denen sie langsam ihre Berufungen finden. Die Jahre der Fehlentscheidungen. Die Jahre des Erwachsenwerdens und der Partnerschaften. Und all das erleben sie zusammen, mal mit mehr und mal mit weniger Zuneigung füreinander. Auch Liebe spielt keine geringe Rolle, wobei das Schöne an dem Buch ist, dass sich Liebe und Freundschaft nicht wirklich voneinander trennen lassen. Ganz undramatisch werden auch Homo- und Bisexualität eingeflochten, aber auch elterliche Liebe kommt nicht zu kurz. Allerdings spielt auch falsche Liebe eine große Rolle. Manipulative, missbräuchliche, pädophile ‚Liebe‘. Menschenhandel und Zwangsprostitution. Und Gewalt. Durch andere, aber auch in Form von selbstverletzendem Verhalten (SVV). Und, weil das für ein Schicksal noch nicht reicht, eine zugefügte körperliche Behinderung, die Jahr für Jahr schlimmere Schmerzen bereitet. 

Im Zuge all dieser Themen werden noch weitere, wichtige Denkanstöße transportiert, wenn man darauf achtet; prägnant war für mich die körperliche Selbstbestimmung, die immerzu beeinträchtigt wird, ob von denen, die kriminell sind (Missbrauch) oder von denen, die Gutes wollen (Zwangseinweisungen in Bezug auf SVV) – natürlich sind die Dimensionen nicht vergleichbar, doch beides impliziert eine Fremdbestimmung des Körpers und eine Grenzüberschreitung, etwas, was dem Charakter genauso zu schaffen macht wie die damit verbundene, internalisierte Scham. Das Sich-Selbst-die-Schuld-Geben, das Sich-Schämen bei jeder kleinsten Schwäche. Es hat mir regelmäßig das Herz gebrochen, davon zu lesen und gleichzeitig schien mir alles unfassbar authentisch. 

„Er wird sich daran erinnert fühlen, dass er eingesperrt ist, gefangen in einem Körper, den er hasst, zusammen mit einer Vergangenheit, die er hasst, und dass er beides niemals wird ändern können“ 

Ich habe mich gefragt, ob es fragwürdig ist, so viel Leid in einem Buch zu schildern. Auch, ob es fragwürdig ist, dass ich davon lese – und das auch noch gerne tue. Nicht, weil mir das Leiden irgendwelche Freude bereitet, sondern, weil ich wissen möchte, was diesem Charakter wiederfahren ist, wie er zu dem geworden ist, der er ist. Eine schlaue Antwort habe ich darauf nicht, ich glaube aber, dass Literatur, die so tief berührt, ihre Berechtigung hat. Das Feingefühl, mit dem Yanagihara diese Themen behandelt, macht es wieder wett. Ich habe keinen Spaß an Leid; aber Menschen leiden, leider. Und Fiktion kann die Empathie dafür definitiv verstärken und auch das Feingefühl beeinflussen. 

In Bezug auf das Feingefühl ist mir zudem positiv aufgefallen, wie Yanagihara mit der Behinderung des Charakters umgeht. Der Charakter selbst möchte sie am liebsten gänzlich verstecken, hauptsächlich, um nicht auf sie reduziert zu werden. Wie das Umfeld, seine Freunde, damit umgehen, erschien mir sehr authentisch. Auch hier musste ich wieder viel über Selbst- und Fremdbestimmung nachdenken. 

„Es war unmöglich, den Gesunden die Logik der Kranken zu erklären, und er hatte nicht die Kraft, es zu versuchen.“ 

Ihr seht, „Ein wenig Leben“ ist ein Buch, das mich hauptsächlich auf der inhaltlichen Ebene sehr beschäftigt hat. Die Handlung ist teilweise sehr spannend, teilweise langatmig und das Ende sagte mir nicht wirklich zu. Der Schreibstil ist feinfühlig, an den richtigen Stellen emotional, zwar etwas ausufernd, aber oft auch packend. Das Beste allerdings sind die Charakterzeichnungen, die das Buch tragen und mich noch heute, mehrere Tage nach Beenden des Buches, beschäftigen. Zwar steht Jude im Mittelpunkt des Geschehens, doch auch die Werdegänge und Dynamiken der anderen Charaktere habe ich sehr gern verfolgt und sie allesamt ins Herz geschlossen.


Im letzten Drittel hat die Handlung des Buches in meinen Augen nachgelassen; dennoch kann ich nicht anders, als es ausnahmslos zu empfehlen. Der Roman begleitet tatsächlich nicht nur „Ein wenig Leben“, sondern ganz schön viel Leben von außergewöhnlichen, tragischen Charakteren, die ins Herz wachsen und nicht mehr rauswollen. Währenddessen werden schöne und parallel – prozentual mehr - sehr schmerzhafte Themen angeschnitten, wie (Kindes-)Missbrauch, Gewalt und selbstverletzendes Verhalten. Yanagihara hat eine Geschichte mit viel Feingefühl geschrieben, die trotzdem ein Hieb in die Magengrube ist. Dennoch hat sie ihre Berechtigung. Ich habe das Buch nicht aus der Hand legen können und bin mir sicher, dass es vielen ähnlich gehen wird wie mir. „Ein wenig Leben“ bekommt von mir 4,5 von 5 Sternen.

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