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[Rezension] "Die Hälfte der Sonne" - Chimamanda Ngozi Adichie

Die Hälfte der Sonne - Half of a Yellow Sun - Chimamanda Ngozi Adichie - Fischer* - 640 S. - 12,99€ - ISBN: 978-3-596-03548-9
Content Notes: Krieg, Gewalt, Rassismus, (Sexueller) Missbrauch

Im Nigeria der Sechzigerjahre kommt der Dorfjunge Ugwu als Houseboy zu Odenigbo, einem linksintellektuellen Professor, bei dem er lesen und schreiben lernt. Als Odenigbos neue Liebe Olanna ihr privilegiertes Leben in Lagos verlässt, um mit ihm zu leben, wachsen die drei schnell zu einer kleinen Familie zusammen. 

Richard, ein englischer Journalist, der in Nigeria Inspiration für sein erstes Buchprojekt sucht, verliebt sich in Olannas ungleiche Schwester Kainene, die die Geschäfte der reichen, aber auch korrupten Familie leitet. Sie alle durchleben durch ihre je eigenen Kämpfe und Erfolge, doch teilen gemeinsam die große Hoffnung auf ein unabhängiges Biafra, das 1967 im Osten Nigerias, wo die Mehrheit der Igbo-Bevölkerung lebt, ausgerufen wird. 

Nur drei Jahre später versinkt das Land in einem blutigen Bürgerkrieg, der Olanna, Kainene und ihre Liebsten brutal aus ihren Leben reißt und alles Dagewesene ausradiert. via

Eigentlich würde ich mich als Fan von Chimamanda Ngozi Adichies Büchern bezeichnen. „Americanah“, „Blauer Hibiskus“ und „We Should All Be Feminists“ haben mir allesamt sehr, sehr gut gefallen und auch von „Die Hälfte der Sonne“ hatte ich mir dementsprechend viel erwartet. 
Ich kann nicht sagen, dass ich enttäuscht bin, denn das Buch war keinesfalls schlecht. Allerdings hat es mich auch nicht so mitgerissen wie ihre anderen und irgendwie bin ich mit keinem der Charaktere warm genug geworden, um wenigstens in Bezug auf dessen Werdegang mitzufiebern. Mein Eindruck ist, dass dem Buch auch weniger Länge nicht geschadet hätte. 

Allerdings ist es schon allein deshalb ein gutes Werk, weil es etwas behandelt, was in der hiesigen Literatur sonst selten Erwähnung findet – die postkolonialen Folgen, die Nigeria erleidet und die zu einer vorübergehenden Spaltung des Landes und Krieg untereinander führen, Biafra neben Nigeria. All das wird aus der Perspektive von akademischen Charakteren erzählt, die ein unabhängiges Biafra unterstützen. Auch die Perspektive eines weißen Mannes kommt zum Tragen, genauso wie die eines zunächst unterprivilegierten Houseboys. So werden ganz verschiedene Blickwinkel auf die Ereignisse ermöglicht, die sich über viele Jahre ziehen und während derer die Charaktere wachsen und älter werden. Nicht nur erlebt man mit ihnen, Liebe, Verrat, Loyalität, Rassismus, Leid und Krieg, wie es der Klappentext sagt, auch wird dem Leser die nigerianische Lebenswelt der Sechsigerjahre näher gebracht. Dieses Buch wirft ein ganz anderes Licht auf die Armut und den Hunger, die man hier stets mit Dürre in Verbindung bringt und selten mit denen, die ausbeuten, wodurch diese Armut und der Hunger erst zu Stande kommen. 

„Er konnte nicht verstehen, wie Leute, die aussagen wie Mister Richard, den Leuten, die aussahen wie er, grundlos wegnahmen, was ihnen gehörte.“ S. 311 
„Der weiße Mann hat den Rassismus in die Welt gesetzt. Er hat ihn als Grundlage für seine Eroberungen benutzt. Es ist immer einfacher, ein menschliches Volk zu besiegen.“ S. 587 

Neben diesen Themen ist mir aufgefallen, dass in diesem Buch die einzig selbstbestimmten Charaktere die der Frauen sind. Die männlichen Protagonisten erscheinen zunächst stärker, doch je mehr man in die Geschichte eintaucht und je mehr geschieht, desto deutlicher wird, dass sie sich von ihrem Umfeld instrumentalisieren lassen und ihren freien Willen verlieren. Die beiden Schwestern hingegen, Kainene und Olanna, beschließen, sich von nichts runterkriegen zu lassen und schaffen sich in jeglichen Situationen etwas, was ihnen Kraft gibt, weiterzumachen. Einige der anderen Charaktere tun im Laufe des Buches Dinge, die sehr fragwürdig sind – allerdings sind sie angesichts des Krieges dennoch leider authentisch. 

Der Schreibstil war mir an manchen Stellen zu ausufernd, allerdings bin ich auch eher ein Freund der knappen Worte; ich bin mir sicher, dass andere daran mehr Gefallen finden, denn auf das Schreiben versteht sich Adichie ohne Zweifel sehr gut. Sie vermag es durch die Stimmen ihrer Charaktere Missstände der Gesellschaft aufzutun, die nicht immer auf den ersten Blick auf Zustimmung stoßen mögen und doch trotzdem allen einen Spiegel vorhalten. Rassismus und (Post-)Kolonialismus spielen da eine ganz wesentliche Rolle. 

„Ich bin Nigerianer, weil ein weißer Mann Nigeria geschaffen und mir diese Identität gegeben hat. Ich bin schwarz, weil die Weißen das Schwarze als größtmöglichen Gegenpol zu ihrem Weiß konstruiert haben. Aber ich war ein Igbo, bevor der weiße Mann kam.“ S. 37 
„Begreifst du denn nicht? […] Sie haben ihre Rassenforschung bei den Herero angefangen und bei den Juden abgeschlossen. Natürlich besteht da ein Zusammenhang!“ S. 81
„Die Hälfte der Sonne“ erzählt nicht nur vom Nigeria der Sechziger, es erzählt auch von weißer Kolonialgeschichte und den Konstrukten, die noch heute unsere Welt beherrschen. Der Roman ist nicht immer angenehm; doch er regt zum Nachdenken an und ermöglicht neue Perspektiven, die im Laufe der Lektüre immer plausibler werden. Allein deshalb lohnt sie sich. Dennoch habe ich mich während des Lesens manchmal zwingen müssen, einerseits aufgrund der Längen, andererseits aufgrund der Charaktere, mit denen ich bis zum Ende nicht ganz warm werden konnte. Im Laufe der Rezension ist mir allerdings aufgefallen, dass die Lektüre doch eine sehr bereichernde war. Ich kann sie jedenfalls guten Gewissens empfehlen. Auch der – in meinen Augen – bisher schwächste Roman aus der Feder Adichies ist sehr lesenswert und beschäftigt sich nicht minder mit Themen wie Rassismus und Sexismus. Ich vergebe 3,5 von 5 Sternen.

Kommentare

  1. Liebe Elif,
    vielen Dank für diese tolle Rezension! Da freue ich mich noch mehr darauf, den Roman in der näheren Zukunft mal zu lesen. Ich kenne Adichie bisher nur von ihrem TED Talk zum Thema "The Danger of a Single Story", "We Should All Be Feminists" und diversen Begegnungen in Sekundärtexten über afrikanische Literatur. "Half of a Yellow Sun" wäre für mich wegen der Thematik sogar die erste Lektürewahl gewesen und ich frage mich jetzt zugegebenermaßen doch ein bisschen, ob ich nicht doch mit einem anderen Roman anfangen sollte, wenn das jetzt bis jetzt der schwächste für dich war... Andererseits schreckt mich das, was du über "Half of a Yellow Sun" schreibst, gar nicht einmal so sehr ab, weil mich Vieles an die Romane von Nuruddin Farah erinnert. Seine Charaktere sind meistens auch nicht gerade die größten Sympathieträger und Farah schweift auch gerne und oft aus, aber ich lese seine Bücher trotzdem gerne, weil sie so aufschluss- und lehrreich sind. Für mich zählt da irgendwie der Bildungswert mehr als der Unterhaltungswert. :) Ich bin also gespannt, ob ich das dann auch so auf Adichies Roman(e) übertragen kann.
    Liebe Grüße,
    Elena

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    1. Liebe Elena,
      gemessen daran bin ich mir sicher, dass "Half of a yellow sun" genauso gut für den Einstieg wäre wie jedes ihrer anderen Bücher. Du wirst es sicher mögen! :) Ich wünsche dir viel Spaß beim Entdecken der Romane Adichies.
      Liebe Grüße!

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