[Rezension] "Gott ist nicht schüchtern" - Olga Grjasnowa


Gott ist nicht schüchtern - Olga Grjasnowa - Aufbau Verlag* - 309 S. - 22,00€ - ISBN: 978-3-351-03665-2

Content Note: Tod, Gewalt, Folter, (Sexueller) Missbrauch, Flucht, Trauma

Amal und Hammoudi sind jung, schön und privilegiert, und sie glauben an die Revolution in ihrem Land. Doch plötzlich verlieren sie alles und müssen ums Überleben kämpfen. Sie fliehen. Ein erschütterndes, direktes und unvergessliches Buch.

(Ab hier mit Spoilern:)

Als die syrische Revolution ausbricht, feiert Amal ihre ersten Erfolge als Schauspielerin und träumt von kommendem Ruhm. Zwei Jahre später wird sie im Ozean treiben, weil das Frachtschiff, auf dem sie nach Europa geschmuggelt werden sollte, untergegangen ist. Sie wird ein Baby retten, das sie fortan ihr Eigen nennen wird. 

Hammoudi hat gerade sein Medizinstudium beendet und eine Stelle im besten Krankenhaus von Paris bekommen. Er fährt nach Damaskus, um die letzten Formalitäten zu erledigen. Noch weiß er nicht, dass er seine Verlobte Claire niemals wiedersehen wird. Dass er mit hundert Wildfremden auf einem winzigen Schlauchboot hocken und darauf hoffen wird, lebend auf Lesbos anzukommen. In Berlin werden sich Amal und Hammoudi wiederbegegnen: zwei Menschen, die alles verloren haben und nun von vorn anfangen müssen. via

Olga Grjasnowa ist eine Autorin, die ich durch „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zu den besten Deutschlands zählen würde. Ihr zweites Werk, „Die juristische Unschärfe einer Ehe“, habe ich bislang zwar übersprungen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich auch das Werk lese – doch dass ich jedes ihrer Bücher irgendwann lesen / gelesen haben würde, stand nie in Zweifel. Als ich „Gott ist nicht schüchtern“ entdeckte, war ich demnach sofort Feuer und Flamme, zumal der Inhalt mich ebenso gereizt hat wie die Tatsache, dass es ein Buch von Grjasnowa ist; denn zurzeit sehne ich mich nach Stimmen in der Literatur, die sonst eher weniger gehört werden. Ein kleiner Zweifel bahnte sich trotzdem an, denn ganz nach dem Motto „Own Voices“ wäre ein Roman über die Fluchterfahrungen aus Syrien nochmal etwas anderes, wenn er tatsächlich von Syrer*innen verfasst wäre. Ich bin, was das angeht, nicht auf dem aktuellsten Stand, doch ich hoffe, dass auch diese Stimmen von den Verlagen gehört und verlegt werden.

Trotz dieses kleinen Zweifels war ich überzeugt, dass wenn jemand nicht-Syrisches eine solche Geschichte gut erzählen könnte, es Grjasnowa wäre. In „Der Russe…“ hat sie Feingefühl bewiesen, ebenfalls Fluchterfahrungen geschildert, Traumata thematisiert und gezeigt, dass sie sich in verschiedene Perspektiven und Positionen hineinversetzen kann. Genau das, was bei einem solchen Thema nötig ist. 

Nach dieser zu lang geratenen Einleitung nehme ich mein Urteil vorweg: Der Autorin ist all das mit „Gott ist nicht schüchtern“ ebenfalls gelungen. Durch die Augen eines Mannes und einer Frau, die beide einen westlich-modernen Lebensstil gewöhnt sind, erzählt Grjasnowa von einer zunehmenden Diktatur, von Protesten und Dissens, von Gewalt, von Misstrauen, Willkür, von den verschiedenen Arten, Widerstand zu leisten, aber auch von Tod, Missbrauch, Folter, Entmenschlichung und wie die ganze Welt dabei zusieht. Eindrücklich beschreibt sie die Entwicklung des Bürgerkriegs und die Hilflosigkeit, während auf der einen Seite das Assad-Regime lauert und auf der anderen der IS. Kinder, die überredet und gedrängt werden, sich zu bewaffnen. Machtdemonstrationen und Einschüchterung. Ausweglosigkeit. 

„Die Menschen haben Hunger, und Hunger ist die effektivste Waffe, denn er entmenschlicht.S. 198

Ein großer Teil des Buches spielt sich in Syrien ab, in Damaskus und Deir az-Zour, Teile aber auch im Libanon, der Türkei, Griechenland und Deutschland. Grjasnowa schildert die Flucht, die Schlauchboote, die unechten Rettungswesten und die vielen Tode und Waisen. Bürokratische Erschwernisse kommen genauso zu Wort wie Begegnungen mit Fremdenhass und rechtem Terror. 

„Nach dem Überleben kommt die Bürokratie […].“ S. 251

Grjasnowa hat einen sehr knappen und unaufgeregten Schreibstil, durch den sie trotzdem sehr viel zu transportieren vermag. In diesem Fall hätte ich mir an einigen Stellen doch etwas weniger Knappheit gewünscht und etwas mehr klare Worte statt interpretierbare Leerstellen, doch ich kann die Entscheidung, darauf zu verzichten, dennoch nachvollziehen. Die Tragik der Geschehnisse wird auch ohne dramatische Ausführungen deutlich. Es ist eine von vielen Arten, eine solche Geschichte zu erzählen und wirkt dennoch. Wahrscheinlich ist es auch hier wie bei ihrem Debütroman; den musste ich ein zweites Mal lesen, um die Genialität zu erkennen. Auch hier kann ich mir vorstellen, dass sich mir beim zweiten Lesen ganz andere Sätze und Ereignisse einprägen würden.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“ S. 281

„Gott ist nicht schüchtern“ erzählt eine von vielen Geschichten, die so oder so ähnlich von Syrer*innen in der heutigen Zeit erlebt wurden und werden. Die Autorin beleuchtet das Leben zweier Menschen, die zunächst ohne große Geldnot leben und westlich-modern und akademisch sind. Die Geschichte deckt damit nur einen Bruchteil der vielen existierenden ab; erhebt aber auch nicht den Anspruch, alles erzählen zu wollen. Dass wir mehr davon brauchen, steht außer Frage. Romane haben ihre ganz eigene Art, einem etwas nahezubringen und Empathie zu erwecken. Dieser macht einen Anfang, einen äußerst gelungenen noch dazu. Ich kann das Buch sehr empfehlen und vergebe 4,5 von 5 Sternen.

Erscheinungstermin ist der 17.03.2017

Kommentare

  1. Liebe Elif,

    ähnlich wie dir gehen mir solche politische Themen sehr ans Herzen und gerade durch die Literatur finde ich oft einen für mich passenden Zugang, die Geschichte vieler Syrer_innen zum Beispiel kennenzulernen (nachzuempfinden passt da nicht, mein Vater hat zwar etwa das Gleiche erlebt, aber ich nicht, und wenn man eine Flucht niemals miterlebt hat, kann man sich noch so damit beschäftigen und doch niemals die selben Emotionen spüren). Ich finde es unglaublich wichtig, Syrien in den Mittelpunkt zu stellen und sich mit dem komplexen syrischen Knoten zu beschäftigen, und doch finde ich persönlich, dass es an Geschichten von Eritreer_innen beispielsweise, die zumindest hier in den Schweiz den allergrössten Teil der Geflüchteten ausmachen, mangelt, empfindest Du das ähnlich wie ich? Noch dazu finde ich es ganz wichtig, das Asylwesen seines Landes zu kennen, vor allem deren Schwächen und dort versuchen anzusetzen oder zumindest politische Themen in den Blog einfliessen zu lassen. Deswegen lese ich immer so gerne von Dir, weil Du genau das so toll machst, deswegen lese ich gerne deine Buchempfehlungen - und natürlich auch, weil Du einfach so oft die richtigen Worte findest. Danke Dir für all das!

    Herzlichst,
    Mara Luna (Yagmur ;))

    www.wonderful-ne-books.blogspot.de

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    1. Liebe Yağmur,
      ich danke dir so sehr für deine lieben Worte!
      Ich kann deine Beobachtung nur bestätigen; es mangelt uns noch sehr an fiktiver Literatur zu diesen Themen. Zu Eritreer*innen wüsste ich zB aus dem Stegreif gar nichts, was in Richtung (Unterhaltungs-)Medien geht! Das sollte und muss sich auf jeden Fall ändern, bestenfalls durch Literatur von Menschen, die selbst diese Erfahrungen gemacht haben.
      Mit dem Nachempfinden kann ich dir übrigens auch nur zustimmen, in meiner Familie gab es sowohl Flucht- als auch Migrationserfahrungen, aber ich selbst habe keine davon miterlebt.
      Danke für deine Gedanken!

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  2. Als ich den Inhaltstext gerade überflog aus Neugier, was der Titel denn bedeutet, hat's mich getroffen wie ein Schlag. Hört sich nach einem verdammt wichtigen Buch an!! Ich hab schon öfter mich umgesehen im Buchladen, ob solche Romane denn schon existieren, ist höchste Zeit, da stimme ich dir voll zu. Leider hab ich bis jetzt noch nix entdeckt gehabt und bin sehr sehr froh, dass du auf dieses hier aufmerksam machst. Ganz großen Dank dafür!
    Liebe Grüße,
    Leyla

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    1. Liebe Leyla,
      das freut mich sehr! Ich wünsche dir viel Spaß mit dem Buch, wenn du es liest. Kann dir "Der Russe..." von der Autorin auch sehr ans Herz legen. :)

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  3. Huhu liebe Elif,

    ich mag deine Rezensionen immer so gerne!

    Nachdem du Anfang des Jahres das Buch bereits als Neuerscheinung angekündigt hast, war ich total gespannt auf deine Meinung zu dem Roman.

    Und du hast mich wahnsinnig neugierig auf dieses wichtige Buch gemacht! Ich habe es mir gleich mal gemerkt. :)

    Ganz liebe Grüße und Dir wünsche ich noch einen wundervollen, frühlingshaften Samstag,
    Hannah
    <3

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