2/18/2017

[Rezension] "Adolf total" - Walter Moers

Adolf total - Walter Moers - Penguin Verlag* - 272 S. - 15,00€ - ISBN: 978-3328100690

"Wollt ihr den totalen Adolf? Hier ist er!

Darf man sich über Nazis lustig machen? Nein, man muss! So lautete der Slogan zu Walter Moers' erstem Band „Adolf – äch bin wieder da“, mit denen der Hamburger Bestsellerautor bis heute Maßstäbe setzt in der Hitlerparodie. Ihm folgten „Äch bin schon wieder da“ und der legendäre „Bonker“. Jetzt gibt es erstmals alle Moers-Geschichten um die „Nazisau“ in einem Band – mit zusätzlichem Bonusmaterial." via

Darf Satire alles? 
Ich denke, diese Frage können wir alle einstimmig mit „ja“ beantworten – Meinungs- und Pressefreiheit sind Rechte, die es unbedingt zu schützen gilt, immer.

Aber muss Satire deswegen auch alles? 
Hier spalten sich die Geister. Erst letztes Jahr wieder sehr deutlich am Beispiel des Schmähgedichts von Jan Böhmermann. Ja, Satire muss alles dürfen. Aber sie muss nicht alles tun. Und wenn, dann muss sie Kritik aushalten und bestenfalls annehmen. 

Obwohl ich diese Meinung vertrete, wollte ich den Adolf-Comics von Walter Moers eine Chance geben; zum einen, weil ich als Historikerin und angehende Geschichtslehrerin den Einsatz von Comics grundsätzlich spannend finde und diese kennenlernen wollte und zum anderen, weil ich seit „Die Stadt der träumenden Bücher“ ein sehr, sehr hohes Bild von Moers hatte und dachte, dass der Mann doch sicher keinen Murks produzieren kann. 

Ich habe falsch gedacht. 
Humor ist bekanntlich sehr subjektiv, aber ich frage mich tatsächlich, wer an dieser Art von Humor Gefallen findet. Ich möchte mich etwas aus dem Fenster lehnen und behaupten, dass jene, die es tun, selbst nicht zu einer marginalisierten Gruppe gehören. Denn anders kann ich mir den Erfolg dieser Darstellung von Rassismus, Ableismus und (Hetero-)Sexismus nicht erklären. Oft höre ich das Argument, dass es diskriminierender sei, sich nicht über Minderheiten lustig zu machen, aber dieses Argument ignoriert, dass die einen tagtäglich mit diesen Vorurteilen konfrontiert und benachteiligt werden und die anderen eben nicht. Wenn also von „Schlitzaugen“ und „Negern“ geredet und Goering auf Kosten von transsexuellen Menschen parodiert und vergewaltigt wird, dann kann ich darin lediglich die Reproduktion von etlichen Ismen erkennen und nichts anderes. Hinzu kommt, dass Hitler (und die anderen vorkommenden gefährlichen Menschen) dargestellt werden, als rührten ihre Taten daher, dass sie geistig oder psychisch nicht gesund wären. Nicht nur ist das ableistisch, es ist auch verharmlosend. Es schafft auf Hitler eine Witzfigur, während die Spuren der NS-Zeit noch bis in die heutige Zeit greifen und spätestens seit Pegida, AfD und co wieder blitzaktuell sind. 

Nun könnte argumentiert werden, dass gerade das Lächerlichmachen von Hitler und seinem Gedankengut mit diesen Nachwehen bricht und aufzeigt, dass diese Denkweisen eben nichts anderes sind als lächerlich. Dass sie weder Hand, noch Fuß haben und deswegen nicht ernst genommen werden müssen. Dieses Argument würde ich verstehen, wenn wir gesellschaftlich auch wirklich so weit wären, rechtes Gedankengut als nichts anderes als lächerlich anzusehen. In einer Gesellschaft aber, in der fast täglich Geflüchtetenheime brennen, in der Menschen aufgrund von Hautfarbe, Sexualität, Religion oder anderen Zugehörigkeiten tagtäglich diskriminiert werden, kann ich den Sinn dahinter nicht erkennen, sich darüber lustig zu machen. So weit sind wir einfach nicht. Zumal an den Ereignissen der NS-Diktatur ebenfalls nichts Lächerliches gewesen ist. Es wäre eine Zumutung, zu behaupten, dass so viele Menschen aufgrund von lächerlichen Handlungen auf bestialischste Art und Weise gestorben wären. Nicht Irrationalität prägte die Zeit, es war eine unmenschliche Rationalität, die den Menschen Nummern verpasste. 

Ja, Satire darf alles. Ohne Wenn und Aber. 
Aber sie muss nicht. Und „Adolf total“ ist etwas, das muss erst recht nicht. 
Ich sehe vor mir, wer darüber lachen kann. Menschen deutscher Herkunft, die a) genug von der „Schuldkultur“ haben und die Vergangenheit hinter sich lassen wollen, b) meinen, darin irgendeinen höheren, intellektuellen Sinn zu erkennen und c) rechtes Gedankengut hegen und die Darstellung erfrischend und lustig finden und sich vom Sprachgebrauch inspirieren lassen. Nehmen wir noch die Kategorie d) mit rein, die Jugendliche (und sicher auch Erwachsene) umfasst, die das einfach lustig finden, weil es vulgär und sexualisierend ist, ohne sich mehr Gedanken darum zu machen. 

Als Mensch, der mit anderen Augen auf die Gesellschaft schaut, kann ich diese Art von Humor jedenfalls nicht nachvollziehen und im Grunde auch nicht gutheißen. Ich habe versucht, die Begeisterung nachzuvollziehen; alles, was ich gefunden habe, fügt sich jedoch in meine Kategorien a-d ein. Ein Rezensent jüdischer Herkunft hat es als geschmack- und taktlos beschrieben; dem kann ich mich anschließen. An keiner einzigen Stelle habe ich geschmunzelt, ab Seite 1 habe ich nur kopfschüttelnd gelesen und mich durchgekämpft. Dabei bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass Moers bei Fiktion bleiben sollte; für Politisches ist er nicht die richtige Person. Für eine gelungenere Hitler-Parodie empfehle ich "Er ist wieder da". 

Ich kann leider nicht anders, als die Mindestanzahl an Sternen zu vergeben. Die Lektüre kann ich nicht weiterempfehlen.

Hier noch ein paar Auszüge, damit deutlicher wird, was ich meine. Wenn ich draufklickt, vergrößert sich das Bild.





Kommentare:

  1. Hallo Elif,

    ich mag diese Führer-Comics auch nicht und kann dem überhaupt nichts abgewinnen. Ein ganzes Buch mit allen Bänden zu lesen stelle ich mir grausig vor. Respekt dafür, dass du dich da durchgebissen hast. Deine Rezension hingegen ist sehr lesenswert.

    Liebe Grüße
    Julia

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    1. Vielen Dank! Ich bin froh, damit nicht alleine zu sein. Ich kannte bislang nichts davon, hätte ich es bloß mal besser gewusst.

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  2. Oh man! Ich hasse es wenn gesagt wird man darf sich doch lustig machen ueber andere, sonst ist es selbst Rassismus, Sexismus, etc. Durch Witze werden doch diese ganze -Ismen an Leben gehalten.

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    1. Absolut. Zumal das Gedankengut oft nur als Witz getarnt wird. Wie viele Stand-Up-Comedians ich kenne, die total ableistisch, homophob, rassistisch und sexistisch sind, mag ich gar nicht mehr aufzählen. Zu viele.

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  3. "...und dachte, dass der Mann doch sicher keinen Murks produzieren kann."
    Von Moers ist "Das kleine Arschloch", da hat er perfekt unter Beweis gestellt, WAS er alles an Mist produzieren kann. Tut mit trotzdem leid, dass es eine derartig unangenehme Lektüre war...

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    1. Ich hätte mich vorher echt schlau machen sollen, diese Sparte von ihm war mir echt unbekannt. -_-

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  4. Liebe Elif,
    Danke für diesen schönen Artikel. Deine Gedanken sind sehr wichtig. Leider sehen die Menschen nicht, wieviel Schaden sie mit sowas betreiben. Und ich kann auch nur Huntress zustimmen... Solche Bücher dienen nicht der Auseinandersetzung, sondern produzieren lediglich Vorurteile und halten sie am Leben.
    Besonders den Punkt der Verharmlosung, den du angesprochen hast, sehe ich als sehr problemtisch. Das steckt bereits tiefer drin, als wir denken. Wir haben damals sogar an der Schule gelernt, dass Hitler psychisch krank war. Das ist auch eine Art, sich vom Vergangenen zu distanzieren: zu sagen, dass war psychisch krank, damit haben wir nix zu tun, dass wird nie wieder passieren und das war auch nicht unsere Schuld.
    Aber eine echte Auseinandersetzung sieht doch anders aus, als einfach aufzuatmen, weil man scheinbar eine Erklärung für das Ganze gefunden hat. Und diese Tendenz sehe ich auch bei vielen Menschen die sich vom rechten Gedankengut angezogen fühlen... zu sagen, ok, dass ist nicht gut gelaufen damals, aber die Grundidee war gut.

    Übrigens bin ich sowieso gegen Satire, weil Satire einfach oft herabwürdigend ist. Ich habe als Kind gelernt, dass meine Freiheit dort aufhört, wo die Freiheit des nächsten beginnt. Alles andere wäre Anarchie, wenn jeder macht was er will, ohne Rücksicht auf Verluste. Und ich glaube, dass sich Satire oft dieses Recht rausnimmt. Ich finde niemand sollte so in den Dreck gezogen werden, wie es manchmal passiert. Weder unser Staatsoberhaupt, noch irgendein anderes Staatsoberhaupt, keine Religion und keine Bevölkerungsgruppe. Denn das was Satire betreibt ist oft Verleumndung, Herabwürdigung oder Mobbing. Bei manchen Karikaturen, sogar Volksverhetzung. Und besonders mit dem Hintergedanken, dass derjenige es "verdient" hat schlecht dargestellt zu werden. Dieser Gedanke ist für mich mehr als fragwürdig. Und für mich dient diese Meinungsfreiheit als Deckmantel des Auslebens des Hasses und von Gedanken, die sonst strafrechtlich verfolgt werden würden.
    Meinungsfreiheit ist wichtig, aber sie funktioniert nur zusammen mit allen anderen Gesetzen, und dort ist klar geregelt, dass eigentlich Verleumdung und Volksverhetzung ein Strafbestand ist.

    Liebe Grüße, Anja

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    1. Liebe Anja,
      ich würde deinen Kommentar am liebsten drucken und überall verteilen. Ich hätte es nicht besser ausdrücken können und bin so glücklich darüber, dass es Menschen gibt, die das ähnlich oder genauso wie ich sehen. DANKE! Auch dein Schulbeispiel finde ich mehr als bezeichnend für den Umgang mit Rassismus im Alltag! Wenn jede*r mit der gleichen Sensibilität an Themen und Interaktionen herangehen würde, wäre die Welt sicher ein besserer Ort. Nochmals danke. <3

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