Rezension: "Stadt der Diebe" - David Benioff

Titel: Stadt der Diebe
Autor: David Benioff
Verlag: Heyne
Seitenzahl: 384
Preis: 9,95€

Inhalt
Leningrad im Januar 1942: Weil er während der nächtlichen Ausgangssperre die Leiche eines deutschen Soldaten nach Essbarem durchsucht hat, wird der 17-jährige Lew sofort verhaftet – auf Plündern steht die Todesstrafe. Nach endlosen Stunden in einer kargen Gefängniszelle wird er allerdings nicht aufs Schafott, sondern zusammen mit seinem Mithäftling Kolja vor den Geheimdienstchef der Stadt geführt. Der stellt die beiden vor eine schier unlösbare Aufgabe – im Tausch gegen ihr Leben sollen sie innerhalb von sechs Tagen im ausgehungerten Leningrad zwölf Eier für die Hochzeitstorte seiner Tochter auftreiben. via

Meine Meinung 
Mein Interesse wird wie von Zauberhand geweckt, sobald ich sehe, dass ein Buch im Russland des 20. Jahrhunderts spielt. Diese Epoche und das Land zu der Zeit faszinieren mich auf eine fast unerklärliche Weise und als ich auf den Roman „Stadt der Diebe“ gestoßen bin, war ich mir sicher, dieses Buch lesen zu müssen. 
Von der Blockade von Leningrad wird jeder im Geschichtsunterricht mal gehört haben. Ich habe das Thema sogar aktuell an der Uni behandelt und auch schon einiges dazu gelesen, weshalb ich sehr gespannt war auf die Darstellung im Roman. 

David Benioff hat hier ohne Zweifel ein Werk geschaffen, das nur so strotzt vor Authentizität und Realitätsgehalt. Zwar klingt die Handlung auf dem ersten Blick fast absurd – zwei Straffällige, die durch das Beschaffen von 12 Eiern innerhalb weniger Tage ihrer Strafe entkommen können – doch wenn mir jetzt, nach dem Beenden des Buches, jemand sagen würde, dass sich das genau so zugetragen hat, ich würde es ihm glauben. Ich war baff davon, wie gut Benioff die damaligen Umstände aufgefangen und eingebaut hat. Sei es Hunger, die immense Sterberate, die schlechte Versorgungslage, oder sogar Kannibalismus. Ich habe letzteren Fall zwar im Seminar schon behandelt und war mir somit dessen bewusst, dass Kannibalismus während der Blockade keinen Einzelfall darstellte, doch diese Tatsache so nah, so realistisch zu erleben wie im Roman, das hat mich wirklich sprachlos werden lassen. Ich ziehe meinen Hut vor dem Autor, weil er sogar so ein heikles Thema so gekonnt umgesetzt hat. Es wird wirklich gar nichts beschönigt, vielmehr eiskalt von all den erschreckenden Vorfällen berichtet, die damals auf der Tagesordnung standen. 

Unbeschönigt ist auch der Schreibstil Benioffs. Die Sprache wird den beiden jugendlichen Protagonisten, aber auch dem Umgang von Soldaten untereinander gerecht und ist folglich unzensiert und vulgär. 
Doch trotz der jugendlichen Naivität und der groben Sprache besitzen die Charaktere einen mehr als interessanten Tiefgang. Lew ist ein jüdischer Russe, dessen Vater dem NKWD zum Opfer geworden ist und der seiner verbliebenen Familie nicht in den Osten folgen wollte, weil er von sich glaubt, dass er etwas heldenhaftes für Leningrad leisten könnte – und trotzdem ist er in den entscheidenden Situationen meist zu pragmatisch, zu überlegt und kann sich selbst nicht leiden. Kolja hingegen ist ein Schönling, ein Charmeur, ein Soldat, vollkommen von sich selbst überzeugt und wirkt zu Anfang unerschütterlich, doch nach und nach bröckelt auch sein Selbstbewusstsein. 

Was die Handlung betrifft, so wäre der passendste Begriff „spannend“. Von Anfang an ist es turbulent und ereignisreich, man bangt, man hofft, man will immer weiter lesen, nur um zu erfahren, wie das Buch endet, ob es die beiden schaffen, ein Dutzend Eier im belagerten Leningrad zu finden. Das Ende hat mich zunächst geschockt, doch nach einigen Minuten wurde mir klar – das ist es. Anders hätte die Geschichte nicht enden dürfen. Denn (Spoiler!) ich finde es herrlich absurd, wie die beiden vor Kannibalen fliehen, Einsatztruppen der Wehrmacht übers Ohr hauen und eine Hürde nach der anderen hinter sich lassen, nur um dann von den eigenen Leuten am Stadteingang getötet zu werden. Allein dieser Fakt fasst so viel zusammen, von dem, was sich zu der Zeit in der Sowjetunion zugetragen hatte – nämlich die Willkür bei der Beseitigung der eigenen Leute (Spoiler Ende). 

Das einzige, was mich am Ende gewundert hat, war der Epilog. Ich würde gerne wissen, ob David Benioffs Großvater wirklich der Protagonist Lew sein soll und das Ereignis somit selbst erlebt hat. Falls nicht, finde ich den Epilog ein wenig unnötig, da er nicht noch einmal aufgegriffen wird. Das hat mich aber nicht weiter gestört, sondern nur stutzig gemacht. 

Fazit 
„Stadt der Diebe“ ist ein historischer Roman, dem es meiner Meinung nach an nichts mangelt. Die Zustände werden unverschleiert dargestellt, die Handlung ist spannend, die Charaktere haben Tiefgang und wer etwas über die Blockade von Leningrad erfahren will, ohne dafür zu lernen, für den ist dieses Buch ein Volltreffer. Doch es ist keinesfalls so, dass die historischen Tatsachen im Vordergrund stehen so wie in einem schulischen Lehrbuch. Denn im Mittelpunkt steht... die Suche nach einem Dutzend Eiern. Besser hätte David Benioff diesen Roman nicht schreiben können. Wen die Thematik interessiert, dem kann ich diesen Roman uneingeschränkt empfehlen. Von mir gibt es zweifellos 5 von 5 Sternen

Kommentare

  1. Wird gekauft! Vielleicht nicht gleich und vielleicht auch nicht auf Deutsch, sondern im Original, aber trotzdem! Ich bin schon soo oft an diesem Buch vorbeigelaufen, habe es in die Hand genommen, durchgeblättert und überlegt, ob es das richtige für mich wäre, nur um mich dann doch für ein anderes Buch zu entscheiden. Jetzt bin ich aber extrem neugierig und will es wirklich mal versuchen.
    In irgendeiner Rezension habe ich mal gelesen, dass die Protagonisten nervig und viel zu oft an Sex und Frauen denken und darüber reden - ist dir das auch irgendwie aufgefallen oder fandest du es normal und passend?

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    1. Schön, dass ich dich überzeugen konnte. :)
      Der/die Rezensent/in lag schon richtig, letztendlich sind es pubertäre Kerle und es gibt viele sexuelle Andeutungen und Gedankengänge, das hätte ich in der Rezension vielleicht nochmal erwähnen sollen. Ich hab das aber nicht als unpassend empfunden, weil es zu den Charakteren gepasst hat und wer die Annahme für überholt hält, dass Kerle so viel an Sex denken, den könnte das auch ein wenig stören. Für mich war das aber wie gesagt nicht negativ oder unpassend, es war in meinen Augen einfach unverschleiert und ehrlich.

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    2. Okay, vielen Dank für die Information :) Das hängt ja auch immer sehr vom Buch, den Protagonisten und der Grundstimmung ab. Vom Kauf abhalten wird mich das nicht, aber etwas stutzig gemacht hat es mich doch. Na ja, ich werde ja sehen, ob es dann in meinen Augen auch passend ist :D Ich bin schon sehr gespannt.

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